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Warum schweigen die Lämmer?
Die Thesen von Prof. Rainer Mausfeld

Warum schweigen die Lämmer?

Warum beschließen die Regierungen demokratischer Länder Gesetze, die Reiche immer reicher und die große Mehrheit immer ärmer machen? Die Mehrheit müsste doch nur eine Regierung wählen, die in ihrem Interesse handelt.

(3. Juli 2018) Man könnte auch fragen: Wieso billigen Bürgerinnen und Bürger, dass ihre Länder und Verbündete Kriege mit Todesopfern und schlimmsten Gräueltaten begehen? Solche Taten würden von jedem Einzelnen als schlimmstes Unrecht abgelehnt und verurteilt – bei vorgeblich gerechtfertigtem staatlichen Handeln empfinden wir sie hingegen als moralisch nicht verwerflich.

Die Antwort auf beide Fragen könnte dieselbe sein: Mittels Faktenselektion, De-Kontextualisierung und Re-Kontextualisierung werden ideologisch unpassende Fakten „unsichtbar“. Diese Ansicht vertritt Prof. Dr. Rainer Mausfeld, emeritierter Professor für allgemeine Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Weil die Täuschung der Öffentlichkeit auch beim Bremsen der Energiewende und beim Abschied von fossilen Energien sehr wirksam funktioniert, lohnt sich ein Blick auf seine Argumente auch für die energiepolitische Diskussion. Wir zitieren im Folgenden mit freundlicher Genehmigung aus den beiden Vorträgen „Warum schweigen die Lämmer“ und „Die Angst der Machteliten vor dem Volk“ von Prof. Mausfeld.
Videoaufzeichnungen und vollständige Transkripte beider Vorträge finden Sie im Internet: www.uni-kiel.de/psychologie/mausfeld/

3226 Prof. Dr. Rainer Mausfeld

Prof. Dr. Rainer Mausfeld studierte Psychologie, Mathematik und Philosophie in Bonn, wo er promovierte und habilitierte. Von 1993 bis 2016 hatte er den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Universität Kiel inne. Er forscht insbesondere im Bereich der Kognitionswissenschaft sowie Wahrnehmungspsychologie und publiziert gesellschaftspolitische Beiträge zur Umwandlung von Demokratien in autoritäre Sicherheitsstaaten und psychologische Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements.

Was macht Demokratie attraktiv?

Demokratie ist nicht nur eine von möglichen Herrschaftsformen, sondern sie ist die einzige Form, in der sich politische Macht überhaupt legitimieren lässt. Aus Sicht des Volkes, also von unten betrachtet, ist Demokratie attraktiv, weil wir von Natur aus über eine Konzeption von Zwang und damit auch von Freiheit verfügen. Wir wollen uns autonom fühlen; wir wollen nicht dem Willen eines anderen unterworfen sein.

Echte Herrschaft des Volkes würde jedoch die Mächtigen einschränken und bedrohen. Daher betrachten die herrschenden Eliten die Demokratie als eine notwendige Illusion und bemühen sich hinter der Rhetorik von Demokratie, die zur Sicherung ihrer Eigeninteressen geeigneten oligarchischen Strukturen zu etablieren. Dabei ist die Idee von Demokratie inzwischen so entleert, dass sie nur noch auf einen Wahlakt beschränkt ist. Im Ergebnis bleibt die Wahlmöglichkeit des Volkes als sinnbildliche Schafherde inzwischen darauf beschränkt, andere Hirten (Politiker) aus dem Personal des Herdenbesitzers (Großkapital und Konzerne) zu wählen.

3226 Schafe / Foto: BeneA / photocase.de

Die Politikwissenschaftler Martin Gilens und Benjamin Page haben beispielsweise im Jahr 2014 in den USA untersucht, mit welchem Stimmgewicht der Willen der großen Masse des Volkes in politische Entscheidungen eingeht. Ihre Analysen zeigen, dass das Stimmgewicht nahe bei Null liegt und dass siebzig Prozent der Bevölkerung überhaupt keinen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Dies darf den Bürgern jedoch nicht bewusstwerden! Die Lösung ist, die Bürger mit einem Surrogat zu stillen, sie mit einer Ersatzdroge zu befriedigen, nämlich der Illusion von Demokratie. Um eine solche Illusion von Demokratie zu schaffen, benötigt man vor allem – und genau hier kommt die Herden-Metapher wieder ins Spiel – eine Rechtfertigungsideologie, die begründet, warum das Volk unmündig sei und einer Führung bedürfe.

Doch wenn wir einen Blick auf die Einschätzungen der Bürger zur Realität dieses Grundgedankens werfen, so zeigt eine Gallup-Umfrage von 2015, dass in Westeuropa die Mehrheit der Bürger inzwischen dennoch nicht mehr der Auffassung ist, dass der Grundgedanke der Demokratie verwirklicht ist. Auf die Frage „Would you say that your country is governed by the will of the people?“ (übersetzt: Würden Sie sagen, dass Ihr Land vom Willen der Bevölkerung regiert wird?) antworteten 56 Prozent der Bürger Westeuropas mit „Nein“ oder „eher nicht“.

Techniken der Meinungsmanipulation

Besonders die sogenannten gebildeten Schichten sind anfällig für die Illusion des Informiertseins. Sie sind durch ihre schweigende Duldung ein wichtiges Stabilisierungselement der jeweils herrschenden Ideologien. Im politischen Bereich spielen Techniken der affektiven Kontrolle und Techniken der Angsterzeugung eine besondere Rolle. In der Legitimationsrhetorik für militärische Interventionen bedient man sich gerne einer Doppelstrategie: Die gebildeteren Teile der Bevölkerung lassen sich recht leicht unter dem Banner von humanitären Interventionen für Angriffskriege gewinnen, der übrige Teil lässt sich am leichtesten durch Angsterzeugung vor bösartigen und gewalttätigen Kräften gewinnen.

Wie sich die „verwirrte Herde“ auf Kurs halten lässt

Im Rahmen der 28. Pleisweiler Gespräche hielt Rainer Mausfeld am 22. Oktober 2017 einen weiteren Vortrag, der inhaltlich über die in diesem Artikel zusammengetragenen Argumente hinausgeht. Der Vortrag wurde vom Team der Onlinepublikation NachDenkSeiten in Wort und Bild aufgezeichnet und ist abrufbar unter www.nachdenkseiten.de/?p=40899.

Insgesamt sind zur Lenkung der Bevölkerung Techniken vorzuziehen, die nicht nur kurzzeitig wirken, sondern länger anhaltende Effekte haben. In diesem Sinne ist eine Steuerung von Meinungen wichtiger als eine rein affektive Steuerung. Denn Meinungen sind zumeist stabiler als Affekte. Daher kommt Techniken eine besondere Rolle zu, durch die man Meinungen in geeigneter Weise steuern kann. Für diese einfachen Techniken benötigt man keine besonderen Kenntnisse der Psychologie, sie sind das Standardgeschäft der Massenmedien:

  1. Die Deklarierung von Fakten als bloße Meinungen.
  2. Die fragmentierte Darstellung eigentlich zusammenhängender Fakten mit dem Ziel, dass der Sinnzusammenhang verloren geht.
  3. Fakten zu De-Kontextualisieren, sie aus ihrem eigentlichen Zusammenhang herauszulösen, so dass sie lediglich als isolierte Einzelfälle erscheinen.
  4. Die Re-Kontextualisierung von Fakten eingebettet in einen mit positiven Begleitvorstellungen versehenen Kontext, so dass sie ihren ursprüng-lichen Sinnzusammenhang und ein damit möglicherweise verbundenes moralisches Empörungspotenzial verlieren.
Legitimation militärischer Aktionen

Staaten können mit Billigung und Unterstützung der Mehrzahl ihrer Bürger schlimmste Gräueltaten – wie Folter, Morde oder gar Völkermord – begehen und dennoch davon überzeugt sein, dass ihre Taten moralisch nicht verwerflich seien. Dieses Phänomen wirft tiefgehende Fragen zu unserer Natur auf. Denn eigentlich verfügen wir ja über eine natürliche moralische Sensitivität, über ein natürliches Urteilsvermögen für das, was wir als Unrecht ansehen – zumindest dann, wenn es die Taten anderer betrifft. Damit es zu dem genannten Paradox kommen kann, muss unser natürliches moralisches Urteilsvermögen in geeigneter Weise unterlaufen oder blockiert werden. Am einfachsten ist dies zu bewerkstelligen, wenn man die von unserer Gemeinschaft begangenen Gräueltaten moralisch unsichtbar macht.

Allein in den letzten 15 Jahren wurden vier Millionen Muslime durch uns, also durch die westliche Wertegemeinschaft, getötet, um so den Terrorismus in der Welt auszurotten. Dies steht in einer langen geschichtlichen Kontinuität der westlichen Wertegemeinschaft – vom europäischen Kolonialismus und seiner zivilisatorischen Mission, über den Vietnamkrieg, in dem 1 bis 2 Millionen Zivilisten durch ihre Ermordung vom Kommunismus, also von den Zumutungen einer falschen Lebensform, befreit wurden, bis hin zu humanitären Interventionen und zivilisatorischen Missionen für Demokratie und Menschenrechte der Gegenwart. Begleitet werden diese Verbrechen durch einen Chor der Selbstbeglückwünschung und Selbstbeweihräucherung westlicher Politiker, bereitwilliger Journalisten und Intellektueller, für die diese Taten nur Ausdruck wohltätigen Bemühens sind. Obwohl all dies ausführlich dokumentiert wird, ist es im öffentlichen Bewusstsein so gut wie nicht präsent!

Es bedarf in der medialen Darstellung dieser Verbrechen einer beträchtlichen Fragmentierung und einer radikalen Re-Kontextualisierung als Kampf für Demokratie und Menschenrechte, damit Verbrechen dieser Größenordnung sowie ihre geschichtliche Kontinuität für die Öffentlichkeit nahezu unsichtbar werden.

Sprachliche Techniken

Das wichtigste Medium für eine solche kollektive Hypnose ist natürlich die Sprache. Wer die Sprache beherrscht, also die Begrifflichkeiten und Kategorien, in denen wir über gesellschaftlich-politische Phänomene nachdenken und sprechen, hat wenig Mühe, auch uns zu beherrschen: „Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in Schach!“

Eine Reihe experimenteller Studien zeigt, dass eine Aussage, die die Experimentatoren gemacht haben, im eingeschätzten Wahrheitsgehalt der Beobachter steigt, je häufiger sie präsentiert wird, und zwar auch dann, wenn sie zuvor vom Experimentator ausdrücklich als falsch deklariert wurde. Diese Prozesse laufen automatisch und unbewusst ab. Wir können uns also nicht dagegen wehren. Selbst wenn man die Versuchsperson zuvor über dieses Phänomen aufklärt, ändert dies nichts an dem Effekt: Je häufiger sie eine Meinung hört, umso stärker steigt der gefühlte Wahrheitsgehalt.

Manipulation durch Ausgrenzung

Und je weniger wir uns in einem Bereich auskennen, umso stärker neigen wir dazu, die Wahrheit gleichsam in der Mitte zu suchen. Wir neigen also dazu, alle Meinungen als gleichberechtigt anzusehen, und meiden die als extrem angesehenen Ränder des beobachteten Meinungsspektrums, selbst dann, wenn tatsächlich die richtige Auffassung dort verortet ist. Die öffentliche Meinungsbildung lässt sich also sehr wirkungsvoll bereits dadurch steuern, dass man zunächst die Ränder dessen festlegt, was noch als vernünftig anzusehen ist. Positionen, die radikaler sind und deutlicher auf das Zentrum der Macht zielen, werden dann bereits durch diese nahezu unsichtbare Markierung der Grenzen des Akzeptablen für die Öffentlichkeit als Unverantwortlich gekennzeichnet. Sie gehören damit nicht mehr zum Bereich dessen, was sinnvoll diskutiert werden kann.

Irreführende Begrifflichkeiten

Prominentes Beispiel ist auch das zunehmende Neusprech zur Verhüllung und Verdeckung des tatsächlich Gemeinten, mit dem man inzwischen leicht ein Orwellsches Neusprech-Wörterbuch füllen könnte. Hierzu gehören Begriffe wie Strukturreform, Reformwille, Bürokratieabbau, Deregulierung, Stabilitätspakt, Austerität, Euro-Rettungsschirm, freier Markt, schlanker Staat, Liberalisierung, Harmonisierung, marktkonforme Demokratie, alternativlos, Humankapital, Leiharbeit, Sozialneid, Leistungsträger und so weiter. Derartige Begriffe transportieren ideologische Weltbilder, deren totalitären Charakter es aufzudecken und zu benennen gilt.

Damit wir diesen ideologischen Weltbildern nicht unbewusst und ungewollt erliegen, müssen wir die stillschweigenden Prämissen, Vorurteile und ideologischen Komponenten in der Begrifflichkeit, in der wir über gesellschaftlich-politische Phänomene sprechen, identifizieren und bewusst machen.

Doch selbst wenn wir wissen, wie diese Manipulationstechniken funktionieren und welche Eigenschaften unseres Geistes sie sich zunutze machen, sind wir nicht gegen sie gefeit. Die dabei aktivierten internen Prozesse laufen unbewusst ab und unterliegen nicht unserer willentlichen Kontrolle. Wenn sie erst einmal aktiviert sind, ist es nahezu aussichtslos, ihnen entgehen zu wollen.

Darf man das Volk belügen?

Die Lüge gehört heute ganz selbstverständlich zum alltäglichen politischen Geschäft, bei Politikern wie in den Medien. Jean-Claude Juncker, der gegenwärtige Präsident der Europäischen Kommission, stellt im April 2011 unumwunden klar: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ Und natürlich ist es in der Politik immer ernst.

Einfacher jedoch können sich die Eliten um das Volkswohl kümmern, wenn sie gar nicht erst zu lügen brauchen, weil das Volk gar kein Interesse mehr an der Wahrheit hat. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das Volk politisch apathisch und infantilisiert ist. Ein wirksamer Weg, das Volk davon abzuhalten, überhaupt politische Überzeugungen auszubilden, besteht in der Erzeugung von politischer Lethargie. Besonders erfolgversprechend ist dabei die systematische Erzeugung von Angst und Hass gegen andere Gruppen, die sich seit jeher bei der Kontrolle der öffentlichen Meinung bewährt haben. Es muss nur sichergestellt sein, dass sich Empörungsenergie und Veränderungsbedürfnisse nicht gegen die Zentren der Macht richten. Auch die strukturelle Erzeugung von Ängsten auf sozio-ökonomischem Wege – beispielsweise ein hohes Maß von beruflichem Stress, gesellschaftliche Versagensängste und Ängste vor sozialem Abstieg – lässt sich für dieses Ziel nutzen. Weitere Methoden, die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Zentren der Macht abzulenken, sind Zerstreuung durch eine mediale Überflutung mit Nichtigkeiten.

Es fehlt echte Demokratie

Durch die Indoktrination einer Alternativlosigkeit von repräsentativer Demokratie haben wir im gesellschaftlichen Gedächtnis die eigentlichen geschichtlichen Triebfedern dieser Form der Elitenherrschaft vergessen und sind gar nicht mehr in der Lage zu erkennen, dass die Idee einer repräsentativen Demokratie gerade zur Abwehr von wirklicher Demokratie entstanden ist. Wir sind nicht nur sozial fragmentiert, wir sind entpolitisiert, wir sind weitgehend in politische Apathie und Resignation getrieben, und wir sind vom Besten unserer sozialen Ideengeschichte entwurzelt worden. Warum? Damit wir politisch orientierungslos bleiben und damit wir vergessen, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Mehr als 50 Jahre Elitendemokratie haben uns gezeigt, wohin dieser Weg führt. Es ist der Weg der Zerstörung. Der Zerstörung von Gemeinschaft, der Zerstörung der Idee von Gemeinschaft, der millionenfachen Zerstörung von Leben, der Zerstörung von kultureller und zivilisatorischer Substanz – vor allem in der Dritten Welt – und der Zerstörung unserer ökologischen Grundlagen. Die Nutznießer dieser Zerstörung haben keinen Grund, diesen Weg der Zerstörung zu ändern. Die dazu notwendige Veränderungsenergie kann nur von unten kommen – von uns. Das ist unsere Aufgabe und das ist unsere Verantwortung.

3226 Cover Warum schweigen die Lämmer? - Rainer Mausfeld

Warum schweigen die Lämmer?

Aufbauend auf den Inhalten der hier zusammengefassten Vorträge soll am 2. Oktober 2018 unter dem Titel „Warum schweigen die Lämmer?“ ein Buch von Prof. Dr. Rainer Mausfeld mit rund 300 Seiten Umfang zum Preis von voraussichtlich 24 Euro erscheinen.
ISBN: 9783864892257