ED 04/12 Eine Welt ohne Öl (S.30-31)

Prognosen

Der Epochenwandel von Tony Seba

In den kommenden zehn Jahre wird es laut Tony Seba radikale Umbrüche geben: Autonomes Fahren ersetzt Privatautos, erneuerbare Energien und Batterien sichern die Energieversorgung, die tierische Fleischerzeugung wird durch Precision Fermentation ersetzt. Ob der Wandel schneller als die Klimakatastrophe fortschreitet, das liegt an uns.
Von Aribert Peters

(5. Februar 2024) Der amerikanische Stanford-Dozent, Unternehmer und Visionär Tony Seba ist den Energiedepesche-Lesern bereits seit 2016 bekannt, als wir über ihn berichteten. Was er damals vorhersagte, klang utopisch – hat sich bisher aber als richtig herausgestellt –, lediglich die Preise für PV sind schneller als von ihm prognostiziert gesunken. Nun hat Seba noch eine Schippe draufgelegt mit neuen Thesen. Seine Ausführungen bieten einerseits Hoffnung. Andererseits zeigen sich die Platzhalter des alten fossilen Systems gerade sehr stark (siehe „Öl- und Gasgewinne 3 Milliarden US-Dollar täglich“). Ob ihre Kräfte ausreichen, den Wandel zu verzögern und uns damit in den Abgrund der Klimakatastrophe zu ziehen, das liegt an uns. 

 ED 04/2023 Der Epochenwandel von Tony Seba (S.21-23) 

Tony Seba, amerikanischer Stanford-Dozent, Unternehmer und Visionär 

Wandel der Zivilisation

Wir stehen, so Seba, in den kommenden 15 Jahren am Rande der schnellsten, tiefgreifendsten und folgenreichsten Umbrüche in der Geschichte der menschlichen Zivilisation – vor Veränderungen, die ebenso bedeutsam sind wie der Übergang vom Sammeln und Jagen zu Siedlungen und Landwirtschaft vor 10.000 Jahren. 
In den Bereichen Information, Energie, Nahrung und Transport werden die Produktionskosten auf ein Zehntel oder mehr sinken, während die Produktionsprozesse eine zehnmal höhere Effizienz aufweisen, 90 % weniger natürliche Ressourcen nutzen und 10- bis 100-mal weniger Abfall produzieren. Das vorherrschende Produktionssystem wird sich vom zentralisierten Abbau knapper Ressourcen hin zu einem Modell der lokalen Erzeugung aus grenzenlosen, allgegenwärtigen Bausteinen verschieben – eine Welt, die nicht auf Kohle, Öl, Stahl, Vieh und Beton, sondern auf Photonen, Elektronen, DNA, Molekülen und Qubits aufgebaut ist.

Diese Umbrüche passieren nicht automatisch und von selbst. Vielmehr brauchen sie politische Unterstützung, damit sie gelingen. In einem Papier hat Seba auch für Deutschland aufgeschrieben, wie ein rascher Umstieg auf 100 % Erneuerbare bis 2035 gelingen kann. 

 ED 04/2023 Der Epochenwandel von Tony Seba (S.21-23) 

Vom Pferd zum Auto

Was so ein Umbruch bedeutet, erklärt Seba am Beispiel Auto: Der Wechsel vom Pferd zum Auto vollzog sich in nur zehn Jahren: 1910 gab es 11 % Autos auf den Straßen der USA, 1920 waren es 81 %. Zwei neue Industriezweige wurden aus dem Boden gestampft: Autoindustrie und Straßenbau – in einer Zeit mit einem Weltkrieg und der Spanischen Grippe. Diese Umstellung hat alle Bereiche der Gesellschaft grundlegend verändert: Das Auto war nicht nur ein „schnelles eisernes Pferd“, es war etwas völlig Neues und anderes. Konnte man sich 1990 vorstellen, wie Internet und Handys unser Leben innerhalb weniger Jahre verändern würden? Das Internet hat nicht nur Schreibmaschine und Bleistift ersetzt, es hat auch Information und Kommunikation zum Nulltarif ermöglicht und damit jeden Aspekt unseres Lebens verändert. Seba spricht 
von einem Phasenübergang wie dem von Wasser zu Eis. Ein Schmetterling ist nicht eine schnellere Raupe, sondern eine völlig andere Lebensform.

Die Umbrüche der kommenden Jahre haben etwas Besonderes: Sie vollziehen sich in exponentiellem Tempo weitgehend gleichzeitig und überall weltweit und verstärken sich dadurch. Die heutigen Marktbeherrscher setzen alles daran, die alte Welt zu retten und den Umbruch zu verhindern. 

Elektroautos und Transport

Der Übergang vom Verbrenner zum Elektroauto (Electric Vehicle, EV) vollzieht sich in atemberaubendem Tempo. Im weltgrößten Automarkt China haben EV einen Anteil von 39 % an Neuzulassungen, vor fünf Jahren waren es noch 5 %. Bis 2025 werden EV in China einen Marktanteil von 80 % haben. In Norwegen werden schon heute kaum noch Verbrenner verkauft. 2030 wird der Markt für Autos mit Verbrennungsmotoren zusammengebrochen sein, weil die EV dann so günstig geworden sind.

Den großen Umbruch im Verkehrssektor bringen jedoch die EV in Verbindung mit autonom fahrenden Fahrzeugen und dem „Transport on Demand“. Seinen größten Schub bekommt er durch die rasanten Fortschritte der künstlichen Intelligenz, die sich in den kommenden zehn Jahren mit einer gewaltigen Geschwindigkeit entwickeln wird. Das ermöglicht erst autonom fahrende Taxis oder Kleinbusse, den „Transport as a Service“ (TaaS). Selbstfahrende Auto gibt es schon in vielen Ländern, so in China, in den USA. Die Kosten für den Transport als Dienstleistung pro Kilometer werden  auf ein Zehntel der Kosten eines heutigen Autos fallen. Bis 2030 werden 95 % aller Fahrten auf dem TaaS-Konzept basieren. Privater Autobesitz und der Besitz eines Führerscheins erübrigen sich ebenso wie jede Parkplatzsuche. 

Energieumbruch

Das über 100 Jahre etablierte und bewährte Energiesystem befindet sich derzeit im radikalen Umbruch hin zu erneuerbaren Energien. Dieser Umbruch basiert auf drei Technologien: Photovoltaik, Windkraft onshore und Lithium-Ionenbatterien. Seba spricht vom „Solar, Wind and Batteries (SWB)“-System. Zwischen 2010 und 2020 sind die Kosten von PV um mehr als 80 % gesunken, Wind um 45 % und Batteriekosten um fast 90 %. Bis 2030 werden sie um weitere 70, 40 und 80 % sinken. Bestehende konventionelle Kraftwerke können schon heute mit neuen Solar- und Windkraftwerken nicht mehr konkurrieren. Bis 2030 werden sie nicht einmal mehr mithalten können mit batteriegestützten Systemen von Erneuerbaren, deren Erzeugung ganzjährig zur Verfügung steht – Tag und Nacht, sommers wie winters. Investitionen in konventionelle Kraftwerke werden sich als großer Fehler erweisen. Innerhalb der kommenden zehn Jahre wird sich die Stromerzeugung komplett auf Erneuerbare umstellen. Das bestätigen zwei aktuelle Studien der Internationalen Energieagentur IEA

 ED 04/2023 Der Epochenwandel von Tony Seba (S.21-23) 

Die künftigen Kapazitäten aus PV und Wind werden die Höchstlast im Netz um ein Mehrfaches übersteigen (Deutschland 2023: Netzhöchstlast 80 GW, PV 75 GW, Wind 59 GW; Plan 2030: PV 215 GW, Wind 115 GW). Je höher die erneuerbaren Überkapazitäten, desto kleinere Speicher sind notwendig und umgekehrt. Es gibt für jede Region eine kostengünstigste Kombination von Erzeugungs- und Speicherkapazitäten. Tony Seba hat das für konkrete Regionen der USA für alle Stunden des Jahres durchgerechnet und kommt zu dem Ergebnis, dass Speicher mit einer Kapazität zwischen 35 und 90 Stunden (zwei bis vier Tage) je nach Region kostenoptimal sind. Man braucht also, so Tony Seba, weder saisonale Speicher noch Wasserstoff. 

Eigenversorgung aus Sonne und Wind

Seba hat auch eine 100 % erneuerbare Stromversorgung für die USA bis 2030 durchgerechnet und ist auf Stromkosten von 3 ct/kWh gekommen: ohne Nachfragesteuerung, neue Techniken, Erdwärme, Biomasse und konventionelle Reservekapazitäten. Für Deutschland schreibt er: „Unsere vorläufige Analyse zeigt, dass Deutschland bereits 2030 eine vollständige Eigenversorgung mit Strom allein mit Sonne und Wind erreichen kann, und bis 2035 die Gesamtenergieversorgung.“ 
Eine vergleichbare Studie „European Power Sovereignty through Renewables by 2030“ der Aquila Group gibt es auch für Europa mit ganz ähnlichen Ergebnissen. Europa könnte bis 2030 mit den bereits vorhandenen Technologien für erneuerbare Energien Unabhängigkeit in der Stromerzeugung erzielen und damit auf keine fossilen Ressourcen mehr angewiesen sein. 

Bei der Stromversorgung wird der große Überfluss an Stromerzeugungskapazitäten dazu führen, dass große Strommengen die meiste Zeit des Jahres zu sehr geringen Kosten bereitstehen. Seba spricht von „Superpower“. Sie erschließen neue Anwendungsfelder in Wirtschaft und Gesellschaft: Wasserentsalzung, Transportmöglichkeiten, Heizung, industrielle Prozesse, Recycling, CO2-Rückholung aus der Atmosphäre, Herstellung von PV-Anlagen, Verdrängung von Öl und Gas – das alles verbunden mit einer Minderung der Treibhausgasemissionen, weil die bisher verwendeten Fossilenergien verdrängt werden.

Sebas Ratschläge für Deutschland: „Energieunabhängigkeit in Deutschland ist nur durch eine große Anstrengung zu erreichen, vergleichbar mit einem Flug zum Mond oder sogar Kriegen. RethinkX empfiehlt, dass sich die Regierung auf das Ziel einer 100-prozentigen SWB-Infrastruktur festlegen sollte, um den derzeitigen Strombedarf bis 2030 und das gesamte Energiesystem bis 2035 zu ersetzen.“ Entscheidend sei auch, so Seba, „Nothilfe und Unterstützung auf Menschen zu konzentrieren – und nicht auf Industrien. Man sollte Arbeitnehmer, die durch die Krise und die Disruption verdrängt werden, schützen, aber man sollte zulassen, dass Unternehmen und Organisationen, die mit fossilen Brennstoffen arbeiten, sich auflösen.“ 

Proteinerzeugung: Mikroben statt Tiere

Nahrung besteht aus Nährstoffen wie Proteinen, Fetten, Kohlenhydraten, Vitaminen und Mineralien. Fleisch wird überwiegend wegen der darin enthaltenen Proteine verzehrt. Die Domestizierung von Mikroorganismen ermöglicht es uns, die Tiere, die wir derzeit für die Proteinbereitstellung züchten, zu umgehen und direkt auf die einzelnen Nährstoffe zuzugreifen. Wir können ein verschwenderisch ineffizientes System, das riesige Mengen an Input benötigt und enorme Mengen an Abfall produziert, durch eines ersetzen, das präzise, gezielt und handhabbar ist.

Die dafür verwendete Technik nennt man Precision Fermentation (PF). Sie ermöglicht die Programmierung von Mikroorganismen zur Synthese einer Vielzahl komplizierter organischer Verbindungen. PF ist keine neue Technologie; sie hat ihre kommerziellen -Wurzeln bereits in den 1980er-Jahren. Wissenschaftler nutzten die Gentechnik, um Mikroorganismen für die Produktion von menschlichem Insulin, Wachstumshormonen und Enzymen zu modifizieren. Eine Reihe von Vitaminen und Ergänzungsmitteln wird fast ausschließlich mit PF produziert. Heute generieren diese Produkte weltweit jährliche Umsätze von mehr als 100 Milliarden US-Dollar.

Die Kosten für PF sinken rasch, weil die Kosten für Präzisionsbiologie zurückgehen. Deshalb ist der Preis für die Herstellung eines Kilos Protein von 1 Million US-Dollar/kg im Jahr 2000 auf heute etwa 100 US-Dollar/kg gefallen. Es wird erwartet, dass die Kosten bis 2025 unter 10 US-Dollar/kg liegen. Das entspricht dem derzeitigen Preis für tierische Proteine. Das Ergebnis ist eine Effizienzverbesserung der aktuellen industriellen Nahrungsmittelproduktion um ein Vielfaches. Moderne Lebensmittel werden billiger sein als tierische Erzeugnisse und auch in jeder denkbaren Hinsicht überlegen – in Qualität, Geschmack, Struktur, Nährwert sowie in ihren Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. 

Sobald sich PF durchsetzt, werden 2,7 Billionen Hektar Land frei, das aktuell für die Produktion von Nahrungsmitteln für Tiere genutzt wird. Das sind 80 % aller heute landwirtschaftlich genutzten Flächen und entspricht der Fläche von China, den USA und Australien zusammen. 15 bis 20 % der derzeitigen Treibhausgasemissionen werden durch die industrielle Viehzucht verursacht und entfallen damit künftig. 

Mit dem Ende der industriellen Viehzucht endet auch das unglaubliche Leid von 80 Milliarden sogenannter Nutztiere. Und wir profitieren auch gesundheitlich. Denn über 60 % aller Antibiotika werden derzeit an Tiere verabreicht und bereits heute sterben jährlich 1,3 Millionen Menschen an den Folgen von Keimresistenzen, so das britische Gesundheitsministerium. Die etablierte Fleischindustrie warnt vor den Gesundheitsgefahren der neuen Nahrungsmittel. Jedoch belegen erste Studien deren gesundheitliche Vorteile. 

Treibhauseffekt

Die Umbrüche in den Sektoren Energie, Transport und Ernährung führen zu einer weitgehenden Dekarbonisierung. Wir können dadurch bis 2035 oder 2040 klimaneutral werden. Und in der Folge sogar Netto-Null, weil wir so viel Land zurückbekommen, dass seine Bepflanzung CO2 aus der Atmosphäre binden kann. 

Die Organisation des Umbruchs

Jede frühere Zivilisation ist an den Grenzen ihrer Fähigkeit gescheitert, die Gesellschaft zu organisieren und die durch ihr Produktionssystem geschaffenen Probleme zu lösen. Das Organisationssystem umfasst sowohl die grundlegenden Überzeugungen, Institutionen und Belohnungssysteme, die optimale Entscheidungen in einer Gesellschaft ermöglichen, als auch die Strukturen, die deren Bevölkerung verwalten, kontrollieren, regieren und beeinflussen. Als diese Zivilisationen mit dem Zusammenbruch bedroht waren, blickten sie rückwärts und versuchten, ihre glorreichen Tage wiederzubeleben, indem sie ihr Produktionssystem flickten und ihr Organisationssystem verstärkten, statt sich anzupassen. Das Ergebnis war der Abstieg in ein dunkles Zeitalter. Die heutige Führungsschicht wiederholt diese Fehler.

Überlebt das die westliche Welt?

Die Wirtschaftssektoren, die seit dem 16. Jahrhundert Europa und Nordamerika zur Vorherrschaft verhalfen, werden in den 2020er-Jahren alle zusammenbrechen. Wir belasten die Zukunft, um die Gegenwart zu bezahlen. Dies sind Anzeichen dafür, dass die westliche Zivilisation ihre Grenzen erreicht und überschritten hat. Die Reaktion der heutigen Entscheidungsträger auf diese Herausforderungen – mehr Zentralisierung, mehr Abbau, mehr Ausbeutung, mehr Kompromisse bei der Umweltintegrität im Namen des Wettbewerbsvorteils und Wachstums – ist nicht weniger verzweifelt als die Reaktion früherer Zivilisationen, die mehr Mauern, mehr Priester und mehr Blutopfer forderten, als sie dem Zusammenbruch gegenüberstanden.

Tony Seba fordert zu kritischem Hinterfragen scheinbar vorgegebener Strukturen auf: Ein solcher Schritt wird nicht leicht sein – wir müssen nicht nur die Strukturen und Institutionen, die die Gesellschaft verwalten, neu überdenken, sondern auch die grundlegenden Konzepte, auf denen sie basieren. Repräsentative Demokratie, Kapitalismus und -Nationalstaaten mögen wie fundamentale Wahrheiten erscheinen. Sie sind aber in Wirklichkeit nur menschliche Konstrukte, die in einem industriellen Organisationssystem entstanden und sich entwickelt haben. Im neuen Zeitalter könnten sie durchaus überflüssig werden.

Klimaneutral bis 2035: Illusion oder Möglichkeit?

Die Bundesregierung plant, Deutschland bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu machen. Die Wissenschaft, das Paris-Abkommen und Klimaaktivisten fordern jedoch, dass die Klimaneutralität bis zum Jahr 2030 oder 2035 erreicht werden müsse. Können wir das schaffen?

Klimaneutral bis 2035: Illusion oder Möglichkeit?

Die Bundesregierung plant, Deutschland bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu machen. Die Wissenschaft, das Paris-Abkommen und Klimaaktivisten fordern jedoch, dass die Klimaneutralität bis zum Jahr 2030 oder 2035 erreicht werden müsse. Können wir das schaffen?
Von Dr. Aribert Peters

(16. Februar 2021) Eine globale Erwärmung über zwei Grad hätte weltweit verheerende Folgen – sagt die Wissenschaft. Um das zu verhindern, müssen wir innerhalb des kommenden Jahrzehnts etwas hinbekommen, was es in der Geschichte noch nie gegeben hat: Unser Leben und unsere Gesellschaft vollkommen verändern. Es ist nicht egal, ob wir bis 2050 klimaneutral werden, wie es die Regierung plant, oder schon 2035. Die allermeisten Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass es für die Menschheit einen fundamentalen Unterschied ausmacht: Nämlich den zwischen Leben und Sterben. Ausschlaggebend sind die sogenannten „Kipppunkte“ des Klimas – überschreiten wir diese Punkte, kippt das System für immer. „Das kommende Jahrzehnt wird das entscheidende sein für die Zukunft der Menschen auf der Erde“, meint der schwedische Klimaforscher Johan Rockström.

1900 Cartoon Hand und Säge / Zeichner Guido Kühn / www.guidos-welt.de

Genügend Sonnenenergie

Klimaneutralität bedeutet, dass Fossilenergien durch Erneuerbare ersetzt werden. Das ist selbst für Deutschland möglich, wie jeder selbst einfach nachvollziehen kann: Die Sonne schickt auf jeden Quadratmeter Deutschlands jährlich rund 1.000 kWh, den Energieinhalt von rund 100 Litern Öl. Das sind 350.000 TWh, weil Deutschland 350.000 Quadratkilometer groß ist. Der gesamte Energieverbrauch Deutschlands (Primärenergie), nicht nur Strom, liegt bei jährlich etwa 3.500 TWh. Also schickt die Sonne uns hundertmal mehr Energie als wir benötigen. Statt wie derzeit 70 Prozent unseres Energieverbrauchs zu importieren, könnten wir auf einem Bruchteil der Fläche Deutschlands unseren gesamten Energieverbrauch vollkommen klimaneutral decken. Und das wäre sogar kostengünstiger als die Verbrennung fossiler Energien. Es ist in vielen hundert Studien genau durchgerechnet worden, dass dies möglich ist und wie das im Detail aussieht: Für den Verkehr, für die Gebäude, für die Industrie, für das Gesamtsystem. Selbst im Winter und nachts, wenn die Sonne nicht scheint, wird bei kluger Organisation genug Energie zur Verfügung stehen. „Knapp sind nicht die erneuerbaren Energien, knapp ist die Zeit“, schrieb Hermann Scheer, Solarvisionär und Träger des Alternativen Nobelpreises.

Sachverständigenrat für Umweltfragen

Der Weltklimarat IPCC hat aufgezeigt, dass zwischen den aufsummierten menschenverursachten CO2-Emissionen und der weltweiten Temperaturerhöhung ein direkter Zusammenhang besteht. Um den für die vergangenen Jahrzehnte gemessenen raschen Anstieg der Erdtemperatur zu stoppen, müssen auch diese CO2-Emissionen ein Ende finden. Damit die in Paris vereinbarten Grenzen der Erwärmung eingehalten werden, dürfen nach Berechnungen des IPCC weltweit seit 2018 nur noch 580 Gigatonnen CO2 emittiert werden.

1900 Grafik Ambitions- und Umsetzungslücke in der Klimapolitik / Schematische Darstellung: Sachverständigenrat für Umweltfragen,

1900 Diagramm Entwicklung der Kohlendioxidemissionen in Deutschland 1990-2040

Der von der Bundesregierung eingesetzte Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hat in seinem im Mai 2020 veröffentlichten Jahresgutachten errechnet, dass für Deutschland ab dem Jahr 2020 nur ein Restbudget von 4,2 Gigatonnen CO2 verbleibt, wenn man die weltweit zulässigen Emissionen gleichmäßig auf die Weltbevölkerung verteilt. Würde man berücksichtigen, dass Deutschland in der Vergangenheit schon weit mehr CO2 als andere Staaten emittiert hat, dann stünden Deutschland gar keine Emissionen mehr zu.

Bei unveränderten CO2-Emissionen von jährlich 0,7 Gigatonnen ist, so der SRU, das deutsche Emissionsbudget bereits im Jahr 2026 aufgebraucht. Der SRU empfiehlt, den zügigen Ausbau erneuerbarer Energien, um aus den Fossilenergien schnell genug aussteigen zu können, Verbrauchssenkung und Effizienzerhöhung bei einem gleichzeitigen Verzicht auf Atomenergie sowie auf die CO2-Abscheidung bei Kraftwerken (CCS).

Politisches Handeln: Ungenügend

Die Klimapolitik der Bundesregierung kommt bei den Umweltsachverständigen schlecht weg: „Die deutschen Klimaschutzziele reichen nicht aus, um das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen.“ Einerseits seien die Klimaschutzziele zu wenig ambitioniert, um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen (Ambitionslücke) und andererseits werden selbst die wenig ambitionierten Ziele verfehlt (Umsetzungslücke).

Die Sachverständigen empfehlen: „Die Umsetzungslücke zwischen bestehenden Klimazielen und der Emissionsentwicklung sollte zügig geschlossen werden. Und das Ambitionsniveau der deutschen Klimaschutzziele sollte neu beurteilt und erhöht werden, um es an die aus dem Pariser Klimaschutzabkommen folgenden Notwendigkeiten anzupassen.“ Darin sind sich die offiziellen Umweltsachverständigen der Bundesregierung und die meisten Klimaaktivisten einig.

FFF-Wuppertal-Studie

„Klimaneutralität bis 2035 ist für Deutschland tatsächlich erreichbar. Zumindest technisch und ökonomisch betrachtet. Die dafür notwendigen Veränderungen in Politik und Gesellschaft sind massiv. Ein außerordentlicher politischer Gestaltungswille ist deshalb unabdingbar.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wuppertal Instituts vom Oktober 2020 für die Fridays-for-Future-Bewegung. Schon der Titel verrät, worum es geht: „Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze“.

Methodisch gesehen hat das Wuppertal Institut zahlreiche der bisher vorliegenden Studien daraufhin untersucht, ob sich die bis 2050 möglichen Umstellungen auch bereits bis 2030 oder 2035 erreichen lassen.

Die von der Studie abgeleiteten Maßnahmen erfordern eine doppelt so hohe Zu- beziehungsweise Umbaurate wie derzeit von der Regierung realisiert. Diese erhöhte Geschwindigkeit wird angesichts von Planungszeiten, der Erneuerungszyklen und Technologieentwicklung laut Studie nicht in allen Fällen realisierbar sein. „Für einen derart schnellen Umbau großer Teile des Wirtschaftssystems gibt es bisher kein Beispiel“, so die Studie. Diese Transformation erfordert nicht nur ambitionierte, sondern teils radikale strukturelle Veränderungen.

Die Studie entwickelt jedoch kein in sich konsistentes Szenario für das Jahr 2035, denn dies bleibe künftigen Untersuchungen vorbehalten. Allerdings: „Die Analysen der Studie legen nahe, dass das Erreichen von CO2-Neutralität bis zum Jahr 2035 aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll wäre, grundsätzlich aber möglich ist.“ Ob die massiven Herausforderungen und strukturellen Veränderungen der notwendigen „Großen Transformation“ realisierbar sind, hängt von der gesellschaftlichen und politischen Bereitschaft zur massiven Veränderung ab. „Ist diese gegeben, so stehen der Zielerreichung keine unüberwindlichen Hindernisse entgegen.“ Erforderlich sind laut der Studie tiefgehende und komplexe Umstrukturierungen hin zu nachhaltigem Konsum, Kreislaufwirtschaft und Suffizienzstrategien. Im November 2020 wurde darüber hinaus eine weitere Studie unter dem Titel „Klimaneutrales Deutschland“ von Prognos, dem Öko-Institut und dem Wuppertal Institut veröffentlicht.

Video: “Der Weg zu 1,5 Grad”? – Vorstellung & Diskussion der 1,5°C-Studie des Wuppertal Instituts für FFF 

Handbuch Klimaschutz

Mit dem gleichen Ansatz hat ein anderes Forscherteam unter der Leitung von Karl-Martin Hentschel in einer umfangreichen Untersuchung mehr als 300 Studien zur Klimaneutralität ausgewertet und in verständlicher Form zusammengefasst. Auftraggeber war der Verein „Mehr Demokratie“ und das Bürgerbegehren Klimaschutz. Das daraus entstandene „Handbuch Klimaschutz“ fasst die zentralen wissenschaftlichen Ergebnisse der bisherigen Klimaforschung zusammen und ist als Faktengrundlage für den gerade gestarteten deutschlandweiten Klima-Bürgerrat nach dem Vorbild Frankreichs geplant.

Selbst rechnen

Wer sich seine eigene Energiewende rechnen will, wird im Internet mit Programmen und Daten unterstützt. Zu nennen ist das Agorameter und die Energy-Charts (energy-charts.info) des Fraunhofer-Instituts.

Effizienz und Suffizienz

Der Energieverbrauch kann durch Einsparungen und Änderung des Verbrauchsverhaltens (Suffizienz) beträchtlich verringert werden. Die meisten Studien rechnen mit einer Einsparung von 30 Prozent bis zum Jahr 2030 und von 50 Prozent bis zum Jahr 2050. Die Energiewende beendet somit die enorme Energieverschwendung durch Großkraftwerke, schlecht gedämmte Häuser und große ineffiziente Verbrennungsautos und die intelligente Gestaltung der künftigen Energieversorgung spart gewaltige Energiemengen ein. Der Schüssel zum Erfolg ist die unterschiedliche Wertigkeit von Energie – die Exergie. Gerade beim Transport der Energie in Zeit und Raum – zwischen Regionen, Tagen und Jahreszeiten – kommt es auf sparsame und kluge Lösungen an:

Stromerzeugung als Schlüssel

Die meisten CO2-Emissionen entstehen bei der Stromerzeugung: derzeit rund 30 Prozent. Die Stromerzeugung steht deshalb im Zentrum aller Studien. Es geht an dieser Stelle um eine schnelle Umstellung der Stromerzeugung von gegenwärtig 52 Prozent auf 100 Prozent erneuerbare Energien bis zum Jahr 2035. Die Klimaneutralität des Verkehrs- und Gebäudesektors basiert wiederum wesentlich auf der Nutzung umweltfreundlich erzeugten Stroms. Zusätzlich rechnen alle Prognosen mit Wasserstoff und E-Fuels, die aus erneuerbarem Strom erzeugt werden. Dadurch steigt der künftige Stromverbrauch deutlich an. Alle Studien gehen deshalb von einem gewaltigen Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung aus. Für ein klimaneutrales Deutschland wäre laut vieler Studien eine erneuerbare Kapazität zwischen 500 und 700 GW notwendig, wenn größere Energieimporte ausscheiden. Im Minimum brauchen wir 300 GW an erneuerbaren Stromerzeugungskapazitäten. 110 GW davon waren bis zum Jahr 2019 installiert. Laut Wuppertal-Studie müssten jetzt Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen in einer Größenordnung von 25 bis 40 GW pro Jahr neu gebaut werden. Die Realität bleibt weit dahinter zurück: Der Windstromzubau müsste sich dazu vervierfachen, der Solarstromzubau verachtfachen.

1900 Cartoon Merkel Klimaziele / Zeichner Guido Kühn / www.guidos-welt.de

Selbst ein minimal erforderlicher Zubau von jährlich 15 GW liegt deutlich über den derzeitigen Ausbauzielen und erst recht über den tatsächlichen Zubauraten von 2,8 GW Wind und 4,6 GW PV zwischen 2018 und 2019. Allerdings wurden in der Vergangenheit in Spitzenjahren bereits Zubauraten von 8 GW bei PV (2012) und von 2.000 Windkrafträdern mit insgesamt 5 GW bei Onshore-Wind (2017) und von über 2 GW bei Offshore-Wind (2015) erreicht – seither wurden allerdings die Rahmenbedingungen verschlechtert. Selbst das im Dezember 2020 novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz belastet den Neubau von Solaranlagen mit einer Umlage, um genau solche Anlagen zu fördern: Grotesker kann Politik nicht zeigen, wie viel Angst sie vor Solar- und Windkraftanlagen hat und in wessen Interesse sie agiert. Die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Strommarkts müssen grundlegend geändert werden, um erneuerbare Stromerzeugungsanlagen schnell neu entstehen zu lassen.

Fünf Jahre Paris: Digitaler Klimagipfel

Ein virtueller Gipfel am 12. Dezember 2020 ersetzte das ursprünglich für November 2020 geplante und wegen Corona verschobene Treffen der Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention „COP 26“ im schottischen Glasgow. Eingeladen zu dem virtuellen Treffen waren nur Länderchefs, die anspruchsvolle Ambitionen im Gepäck hatten. Im Internet kann man alle Reden des Treffens ansehen. Es sind bewegende Bekenntnisse von Staatschefs, Firmenchefs und der Führer der Zivilgesellschaft. Darunter sind Prinz Charles, der Papst und Xi Jinping – Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro glänzten durch Abwesenheit. Die Dringlichkeit und die Gemeinsamkeit aller Länder und aller Akteure kommt in jedem Statement zum Ausdruck und signalisiert einen globalen Wandel in den Überzeugungen der Menschen, die diese Welt lenken.

Der UN-Generalsekretär António Guterres sparte nicht an deutlichen Worten in seiner Begrüßungsansprache: „Auch fünf Jahre nach Paris bewegen wir uns immer noch nicht in die richtige Richtung“. Die damals abgegebenen Versprechen seien nicht genug und sie würden bislang nicht einmal ausreichend umgesetzt. Wenn man den Kurs nicht ändere, steuere man bis Ende des Jahrhunderts auf eine Temperaturerhöhung von über drei Grad zu.

China machte die Zusage, bis zum Jahr 2030 Solar- und Windkraftanlagen im Umfang von 1.200 Gigawatt zu errichten. Zum Vergleich: In Deutschland sind derzeit erneuerbare Kapazitäten von 110 GW installiert. Finnland will bis zum Jahr 2035 klimaneutral sein, Dänemark bis zum Jahr 2030 seine Emissionen um 70 Prozent reduzieren, die EU um 55 Prozent.

Global update: Paris Agreement Turning Point: bdev.de/climateactiontrack

Wer soll das bezahlen?

Strom aus neu errichteten PV- und Windkraftanlagen ist schon heute günstiger als aus fossilen oder atomaren Anlagen – selbst, wenn diese alt und längst abgeschrieben sind. Der Ausbau der Erneuerbaren ist also ein höchst rentables Investment. Etliche Studien belegen die wirtschaftlichen Vorteile des Wandels. Nur die Eigentümer der bisherigen Kraftwerke und die mit ihnen verbundenen Lobbyisten und Politiker wehren sich gegen den Wandel, versuchen ihn aufzuhalten und schlechtzureden, wie Peter Becker in seinem neusten und umfangreich recherchierten Buch „Vom Stromkartell zur Energiewende: Aufstieg und Krise der deutschen Stromkonzerne“ zeigt.

Eine Studie der Universität Berkeley in Kalifornien vom Juni 2020 hat gezeigt, dass die Preise für eine Stromerzeugung aus Wind und Sonne unter Nutzung von Batteriespeichern in den vergangenen 5 bis 10 Jahren so stark gesunken sind, dass bereits bis 2035 die US-Stromerzeugung zu 90 Prozent auf saubere Energien umgestellt werden kann, ohne dass dies Mehrkosten verursachen würde. Im Gegenteil: Der erneuerbare Strom wäre sogar 10 Prozent günstiger als fossil erzeugter Strom. Die Erzeugungskosten der Erneuerbaren lagen in dieser Betrachtung mit 4,6 US-Cent/kWh unter den Kosten konventioneller Erzeugung von 5,1 US-Cent/kWh. Jährlich müssten dazu in den USA 70 GW an neuer erneuerbarer Kapazität errichtet werden. Es würden zudem auf Dauer 1,8 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen und ein Wirtschaftswachstum von 1.700 Milliarden US-Dollar generieren. Der Bericht zeigt erstmalig, dass es billiger ist, das Klima zu retten, als es zu zerstören. Ähnliche Studien gibt es von der finnischen LTU-Universität für Europa und die ganze Welt.

Auch das bereits genannte Handbuch Klimaschutz bezeichnet die 1,5-Grad-Umstellung als rentable Investition (S. 47). Das Fraunhofer IWES hat 2014 in einer Studie die Energiewende durchgerechnet und als eine risikoarme Investition mit einer positiven Gewinnerwartung bezeichnet, die zu großen Gewinnen von 4 bis 7 Prozent jährlich führt.

Greta ‘Fridays for future’ – one more KEY POINT : bdev.de/rencheap

Was geht uns das an?

Der SRU äußerte sich zum notwendigen Politikwandel und zur anstehenden Bundestagswahl im Herbst 2021 wie folgt: „Trotz einer Vielzahl an Einzelmaßnahmen und Erfolgen in Teilbereichen addiert sich die Nachhaltigkeitsstrategie insgesamt nicht zu den notwendigen Veränderungen auf. Aus diesem Grund ist eine neue Qualität in der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik notwendig. Dazu benötigt die deutsche Nachhaltigkeitspolitik trotz bereits erzielter Fortschritte in zahlreichen Bereichen einen Neustart“. Der Journalist Michael Bauchmüller kommentierte am 15. Dezember 2020 in der Süddeutschen Zeitung die Regierungspolitik: „Wenn nichts geschieht, wird das nächste Jahrzehnt nicht die Dekade des Aufbruchs, sondern des Hinterherrennens“.

Am 26. September 2021 wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Und der wird die Weichen neu stellen. In welche Richtung – das liegt an uns! Wir haben eine Wahl, eine Klimawahl. Wir sollten schon jetzt durch Briefe an die Parteien und bisherigen Abgeordneten klarmachen, was wir erwarten und anhand der Positionierung der Kandidaten und Parteien wiederum entscheiden, welche Wahl wir treffen. www.klimawahlen.de

Kurze Antworten auf große Fragen

In seinem letzten Buch „Kurze Antworten auf große Fragen“  brachte Stephen Hawking das wissenschaftlich-politische Dilemma um den Klimawandel wie folgt auf den Punkt:

„Die größte Bedrohung für unseren Planeten wäre vermutlich der Zusammenstoß mit einem Asteroiden, aber die letzte Kollision fand vor 66 Millionen Jahren statt. Sie löschte die Dinosaurier aus. Eine deutlich akutere Gefahr für die Menschheit ist der Klimawandel, der aus dem Ruder läuft. Ein Anstieg der Meerestemperatur würde die Polareiskappen abschmelzen und die Freisetzung großer Mengen von Kohlendioxid verursachen. Beide Prozesse könnten dazu führen, dass wir ein Klima wie auf der Venus mit einer Temperatur von weit über 250 Grad bekommen.

Gleichzeitig leugnen viele Politiker die Realität eines von Menschen verursachten Klimawandels – oder jedenfalls die Fähigkeit des Menschen, ihn aufzuhalten, und das genau zur selben Zeit, da unsere Welt mit mehreren höchst bedrohlichen Umweltkrisen konfrontiert ist. Die akute Gefahr besteht, dass die Globalerwärmung selbst erhaltend wird, wenn das nicht schon eingetreten ist. Das Abschmelzen der Eiskappen in der Arktis und Antarktis reduziert den Anteil an Sonnenenergie, der in den Weltraum zurückgestrahlt wird, und erhöht damit die Temperatur noch weiter. Der Klimawandel vernichtet mutmaßlich den Regenwald im Amazonasgebiet und andere Regenwälder, womit einer der wichtigsten natürlichen Prozesse verschwindet, durch den Kohlendioxid aus der Atmosphäre beseitigt wird. Der Anstieg der Meerestemperatur könnte große Mengen Kohlendioxid freisetzen. Beide Phänomene würden den Treibhauseffekt und damit die globale Erwärmung insgesamt verstärken. Menschliches Leben wäre nicht mehr möglich. Mit unserer Zukunft auf dem Planeten Erde gehen wir nach meiner Überzeugung mit unverantwortlicher Gleichgültigkeit um.“

Freier Fall in die Zukunft

2030 fahren wir zu 100 Prozent elektrisch und erzeugen die Energie zu 100 Prozent solar. Autos fahren ohne Fahrer, privater Autobesitz ist sinnlos. Parkplätze werden kaum mehr gebraucht. Und es gibt keine Staus mehr. Behauptet Tony Seba und führt gute Gründe dafür an.

(23. Juni 2016) In 15 Jahren, so Seba, wird der Transport- und Energiesektor dem, was wir heute kennen, nicht mehr ähneln. Tony Seba ist Dozent in Stanford (USA). 2014 erschien sein Buch „Clean Disruption“ und auf einem Vortrag auf der AltCar Expo 2014 hat er seine Thesen erläutert. Der Vortrag steht auf Youtube zur Verfügung. Wir geben seine Argumente in Kurzform hier wieder. Denn sie können unser Denken über die Zukunft grundlegend verändern.

1257 Tony Seba

Tony Seba ist Unternehmensberater und Dozent in Stanford (USA).

Seba erzählt eine Geschichte vom Anfang des vorigen Jahrhunderts: Noch im Jahr 1900 gab es in New York kaum Autos, im Jahr 1913 gab es kaum noch Pferdekutschen. In nur 13 Jahren verschwand das Pferd als Transportmittel völlig von den Straßen. Ein solcher radikaler Wandel – Disruption genannt – ereignet sich immer dann, wenn sich technologiebestimmende Faktoren dramatisch ändern. Dann entstehen neue Märkte, bisherige Produkte verschwinden und werden in kurzer Zeit völlig vergessen. So wie kürzlich die analoge Fotografie, Schreibmaschinen, VHS-Kassetten und Schallplatten.

Es gibt drei Hauptfelder der technologischen Entwicklung, in denen sich Disruptionen gerade abzeichnen oder schon vollziehen:

  1. Elektroautos
  2. Autonome Fahrzeuge
  3. Solarenergie
Trend 1: Elektroautos

Fünf Gründe, warum ein Elektroauto disruptiv ist:

  • Elektromotoren sind fünf mal energieeffizienter als Verbrennungsmotoren.
  • Die Verbrauchskosten von Elektroautos sind zehn mal geringer als die von Verbrennern (in den USA).
  • Die Wartungskosten von Elektroautos sind fünf- bis zehnmal geringer als die von Verbrennern.
  • Induktionsladung ermöglicht ein kabelloses Aufladen.
  • Elektromotoren sind viel kraftvoller als Verbrennungsmotoren.

Eine Achillesferse der Elektroautos ist die Reichweite und damit zusammenhängend die Batterietechnik. Seit 2010 haben sich die Batteriekosten stetig um rund 16 Prozent pro Jahr reduziert. Der Preisverfall ist also exponentiell.

Die Firma Tesla errichtet derzeit in Nevada die sogenannte „GigaFactory“, das mit Abstand größte Gebäude der Welt und ein Produktionswerk für Batterien, das allein die Weltbatterieproduktion verdoppeln wird. Die Kosten für ein Elektroauto-Batteriepack werden sich dadurch um mehr als 30 Prozent reduzieren. Dabei sind noch keine Technologiedurchbrüche eingerechnet, sondern lediglich der Ausbau der Fertigungskapazität von Li-Ion-Zellen.

1257 Steckdose E-Auto

In den Jahren 2017 bis 2018 wird die Industrie in der Lage sein, Elektroautos mit 320 Kilometern Reichweite zu bauen, die nicht mehr als 40.000 Dollar kosten. Diese Elektroautos werden die Performance eines Porsche 911 Carrera in die Mittelklasse bringen. Wenn diese Fahrzeuge im Markt auftauchen, wird es unmöglich sein, noch Verbrenner dieser Preisklasse zu verkaufen. Im Jahr 2020, wird die Industrie solche Elektroautos für 31.000 Dollar verkaufen können. Das ist der Durchschnittspreis eines Verbrenners in Amerika.

Nochmal zwei bis drei Jahre später, 2023, wird man in der Lage sein, Elektroautos mit dieser Performance und Reichweite für nur noch 22.000 Dollar anzubieten. Das ist der Einstiegspreis von Verbrennern in den USA.

Das heißt: In den nächsten acht bis zehn Jahren wird die Elektroautoindustrie den Verbrennermarkt verdrängen.

  • Die massenhafte Migration von Verbrennern zu Elektroautos wird 2017/2018 beginnen.
  • Ab 2030 werden neue Autos fast ausschließlich Elektroautos sein.
  • Öl als Treibstoff für Fahrzeuge wird ab 2030 obsolet sein.
Trend 2: Autonome Fahrzeuge

Es existieren bereits Technologien für autonomes und halbautonomes Fahren; sie sind in Oberklassefahrzeugen schon längst im Einsatz und dringen derzeit in das mittlere und untere Preissegment vor: Intelligente Fahr-Assistenz-Systeme wie Parkassistenten, ein adaptiver Tempomat, Spur- und Bremsassistenten sind bereits heute in allen Klassen verfügbar. Dieser Entwicklungsprozess ist schon eine ganze Weile im Gange. Prototypen vollkommen autonom fahrender Autos sind in den USA bereits seit Jahren im Testbetrieb.

Der exponentielle Preisverfall von automatischen Systemen ähnelt dem für die Batterien von Elektroautos. Selbstfahrende Elektrofahrzeuge muss man sich im wesentlichen als Computer auf Rädern vorstellen. Sie machen rasante Fortschritte und werden sehr schnell immer billiger.

Platz- und Zeitverschwendung: Autobahnen und Staus

Zu jedem beliebigem Zeitpunkt werden bestenfalls fünf Prozent der Straßenfläche vom fahrenden Verkehr genutzt – 95 Prozent liegen praktisch brach, weil wir keine guten Fahrer sind. Unsere Geschwindigkeit sowie unsere Abstände sind unangepasst und suboptimal.

Allein durch den Einsatz adaptiver Tempomaten (Adaptive Cruise Control – ACC) ließe sich die Autobahnkapazität um 40 Prozent erhöhen. Es könnten also fast doppelt so viele Autos zur gleichen Zeit unterwegs sein, ohne Stau.

Durch ACC und Fahrzeugkommunikation (Autos teilen ihren Status anderen Autos in der Nähe mit) wäre sogar eine Steigerung der Autobahnkapazität um 273 Prozent möglich. Autonome Fahrzeuge verhindern Staus durch eine Vervielfachung der Autobahnkapazität: Zur gleichen Zeit können fast viermal mehr Fahrzeuge auf gleicher Fläche fahren.

Weitere Informationen
  • Eine deutsche Fassung des Vortrags von Seba: Clean Disruption
  • Buchhinweis: Tony Seba (Autor) | Clean Disruption of Energy and Transportation: How Silicon Valley Will Make Oil, Nuclear, Natural Gas, Coal, Electric Utilities and Conventional Cars Obsolete by 2030 | Englisch 290 Seiten | Tony Seba Verlag | Beta Auflage | 20. Mai 2014 Taschenbuch | ISBN-13: 978-0692210536 | 15,57 Euro
Autos – teure Rumsteher

Autos sind unser zweitgrößter Ausgabenposten. Die durchschnittlichen Anschaffungskosten betragen 31.000 Dollar, hinzu kommen Treibstoffkosten, Versicherungen, Wartung etc. Diese Autos stehen 96 Prozent der Zeit nur herum. Was für eine Verschwendung!

Autos als Dienstleistung – Das Ende des Autobesitzes

Die Kombination von Carsharing und selbstfahrenden Autos wird den Besitz von Autos überflüssig machen. Eigentlich brauchen wir auch keine Autos als solches. Was wir brauchen ist „Mobilität bei Bedarf”, zu einem fairen Preis. Und wenn wir diese Mobilität auf Kilometer-Basis abrechnen, kostet sie uns zehnmal weniger als der Besitz eines Autos.

Wenn wir ein Teilen-zu-Besitzen-Verhältnis von nur 5:1 annehmen (auf je 5 geteilte Autos kommt ein Besitzauto), würden wir 80 Prozent weniger Autos brauchen. Die Autoindustrie würde also statt 100 Millionen Autos jährlich nur noch 20 Millionen verkaufen. Übrigens werden dann auch 80 Prozent der heute existierenden Parkplätze nicht mehr benötigt. Stellen wir uns nur mal vor, was wir mit all dem Platz in unseren Städten anfangen könnten: Parks statt Parken!

Die Auswirkungen autonomer Fahrzeuge auf den Transportsektor sind sehr positiv: Mobilität als Service wird das Konzept des individuellen Fahrzeugbesitzes verändern, wodurch der Markt für Neufahrzeuge um 80 Prozent schrumpft und das bedeutet:

  • Disruption der Automobilindustrie
  • Disruption der Autoversicherungsbranche
  • Disruption der Ölindustrie
Trend 3: Solarenergie

Seit 1970 hat sich der Preis für Photovoltaikmodule um den Faktor 154 verringert! Gleichzeitig ist zwischen 2000 und 2013 der solare PV-Markt weltweit um 43 Prozent pro Jahr gewachsen. Die installierte Kapazität hat sich in diesem Zeitraum verhundertfacht!

Wenn man also auf der einen Seite exponentiell fallende Kosten und auf der anderen Seite einen exponentiell wachsenden Markt hat, bewirkt das mit ziemlicher Sicherheit eine Disruption.

Wenn die aktuelle Wachstumsrate von 43 Prozent pro Jahr anhält, bedeutet das, dass wir im Jahr 2030 die gesamte weltweit benötigte Energie – nicht nur die Elektroenergie – solar erzeugen werden, zu 100 Prozent!

Die entscheidende Frage ist natürlich: Kann diese Wachstumsrate beibehalten werden? Seit 1970 haben sich die Preise für konventionelle Energieträger um den Faktor sechs bis 35 vervielfacht: Die Kosten für Photovoltaik haben sich zwischen 1970 und 2013 gegenüber denen konventioneller Energieträger relativ betrachtet wie folgt verbessert:

  • gegenüber Öl um das 5.355-fache
  • gegenüber Nuklearenergie um das 1.540-fache
  • gegenüber Erdgas um das 2.275-fache
  • gegenüber Kohle um das 900-fache

Und die Solarkosten werden weiter fallen, um weitere zwei Drittel bis 2020: Bis 2020 werden die Kosten für Solartechnologie seit 1970 um den Faktor 400 gesunken sein. 2020 werden die Kosten häuslicher PV-Anlagen rund 1,12 Dollar je Watt betragen. In Australien sind es bereits jetzt nur noch 1,5 Dollar/W.

Nachsatz

Derzeit wächst der Ölverbrauch weltweit unvermindert (siehe ED 02/16 Ölzeitalter zu Ende?). Welche Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft es haben könnte, wenn Öl knapp wird, bevor es überflüssig ist, darüber macht sich Tony Seba keine Gedanken.

letzte Änderung: 05.02.2024