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Teldafax-Chronik: Die Schande der Strom-Branche

Teldafax-Chronik: Die Schande der Strom-Branche

Die Chronik des Teldafax-Niedergangs wirft ein beschämendes Licht auf die handelnden Akteure. Sie zeigt, dass die Betrügereien in der Energiebranche immer dreister werden. Sie zeigt auch, wie wichtig aktuelle Informationen für Verbraucher sind und wie die Justiz missbraucht wird, um Kritiker zum Schweigen zu bringen.

(22. März 2016) Vier Jahre sind vergangen, seit Teldafax zusammenbrach. Die Wunden bleiben offen. Noch keiner der 750.000 Gläubiger hat auch nur einen einzigen Cent gesehen.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ein Artikel am 20. Oktober 2010 im Handelsblatt brachte den Stein ins Rollen: „Erhebliche kriminelle Energie“ lautete die Überschrift, unter der das Handelsblatt schilderte, was sich hinter der Fassade von Teldafax verbarg: ein riesiges Schneeballsystem, das einen gewaltigen Schaden hinterlassen würde. Acht Monate lang stritt das Unternehmen alle Vorwürfe ab und versuchte alle seine Kritiker mit juristischen Mitteln mundtot zu machen. In dieser Zeit gewann es 300.000 Kunden hinzu und wechselte zweimal den Vorstand aus. Dann brach das Kartenhaus Teldafax zusammen.

2361 Kartenhaus Teldafax und Flexstrom / Fotolia.com/bunte bilder

Als der Insolvenzverwalter im Juni 2011 zu Teldafax stieß, entdeckte er ein blankes Chaos. Wollte er das Unternehmen ursprünglich fortführen, stellte er den Betrieb schon nach drei Tagen komplett ein. Es blieben zahllose geprellte Kunden und ein Schaden von 500 Millionen Euro. Zwei Wochen später rückte die Staatsanwaltschaft an. Der Fall Teldafax wurde zum Fanal für die gesamte Strombranche.

Die beiden Journalisten Jürgen Flauger und Sönke Iwersen vom Handelsblatt haben die Chronik des Teledafax-Zusammenbruchs minutiös nachverfolgt und aufgeschrieben. In der nachfolgenden Chronik werden wir, mit freundlicher Genehmigung der Autoren, die Geschehnisse zusammenfassen.

1998 | Die ursprüngliche Teldafax AG geht mit Hilfe von Goldman Sachs an die Börse. Der Name Teldafax steht für „Telefon, Daten, Fax“. Unter der Call-By-Call-Nummer „01030“ bietet das Unternehmen sensationell günstige Tarife an.

2001 | Die Deutsche Telekom schaltet Teldafax wegen unbezahlter Rechnungen ab. Teldafax stellt beim Amtsgericht Marburg/Lahn einen Insolvenzantrag.

2002 | Deutsche und Schweizer Investoren bedienen sich aus der Insolvenzmasse von Teldafax und kaufen verschiedene Unternehmen auf. Dies geschieht unter der Führung des Wirtschaftsprüfers und Steuerberaters Michael Josten. Der hält über verschiedene Gesellschaften auch wesentliche Anteile an Teldafax.

2004 – 2005 | Die aufgekauften Unternehmen werden unter der Teldafax Holding AG mit Sitz in Troisdorf zusammengeführt. Michael Josten übernimmt den Vorstandsvorsitz der Holding und damit die Führung der Unternehmensgruppe. Der Jahresumsatz der Gruppe liegt bei zwölf Millionen Euro.

Februar 2007 | Teldafax beginnt mit dem Vertrieb von Strom.

März 2007 | Das Landgericht Mannheim verurteilt den Teldafax-Vorstandsvorsitzenden Michael Josten für seine Aktivitäten rund um die Secur Finanz AG aus Lörrach wegen 176-fachen Betrugs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Die Richter vermerken eine „erhebliche kriminelle Energie“ und eine „besonders habgierige Gesinnung des Angeklagten Josten“.

April 2007 | Der Bund der Energieverbraucher e. V. schreibt im Internet: Im Fall einer Insolvenz wären die Vorauszahlungen an Teldafax verloren. Die Bonität von Teldafax wird derweil am Kapitalmarkt nicht besonders hoch eingeschätzt.

September 2007 | Michael Josten gibt sein Amt als Vorstandsvorsitzender von Teldafax an Klaus Bath ab. Josten wird Aufsichtsrat. Zusätzlich übernimmt er die Geschäftsführung der RDF Ecotech AG in Zug (Schweiz) und genehmigt sich dort ein Jahresgehalt von 396.000 Schweizer Franken.

28. Januar 2008 | Das Hauptzollamt Aachen leitet erste Vollstreckungsmaßnahmen gegen Teldafax ein – wegen ständiger Zahlungsverzögerungen bei der Stromsteuer.

3. Juli 2008 | Der Bund der Energieverbraucher e. V. wird von Teldafax abgemahnt. „Sie verbreiten die unwahre Behauptung, dass Teldafax bereits in höchstens drei Monaten einen Insolvenzantrag stellen muss“.

8. August 2008 | Der Bund der Energieverbraucher bittet die Bundesnetzagentur, die rechtswidrigen Tarife von Teledafax und Flexstrom zu untersagen. Der Präsident der Netzagentur verspricht in seinem Antwortschreiben einzuschreiten, wenn belastbare Erkenntnisse über eine mangelnde Zuverlässigkeit vorliegen. Ein verfrühtes hoheitliches Einschreiten könnte eine lebensfähige Firma zerstören.

4. März 2009 | Die deutschen Behörden stellen einen internationalen Haftbefehl gegen Josten aus. Er war nach seiner Verurteilung im März 2007 in die Schweiz geflohen.

2. Juni 2009 | Josten lässt sich seine Kaution mit Anlegergeldern der Debi Select Fonds fremdfinanzieren, zahlt die 800.000 Franken und kommt frei.

4. Juni 2009 | Das Hauptzollamt Köln fordert 18,8 Millionen Euro Stromsteuernachzahlung, die Teldafax nicht zahlen kann.

5. Juni 2009 | Teldafax reicht Klage gegen den Bund der Energieverbraucher e. V. ein, um die angeblich unwahren Behauptung über drohende Insolvenz zu untersagen sowie die Behauptung, die Strompreise unterschreiten die vernünftigerweise anzusetzenden Beschaffungskosten. Gegenstandswert: 80.000 Euro.

10. Juni 2009 | In der Teldafax-Zentrale in Troisdorf findet eine außerordentliche Vorstandssitzung statt. Es nehmen auch zwei Wirtschaftsprüfer der Beratungsgesellschaft BDO teil. Sie berichten unter anderem von einer Deckungslücke bei Teldafax in Höhe von 24 Millionen Euro, resultierend insbesondere aus Stromsteuern. Binnen drei Wochen habe die Geschäftsleitung eine Insolvenzantragspflicht. Sie konstatieren: Teldafax ist illiquide.

19. Juni 2009 | Das Landgericht Köln untersagt Teldafax auf Klage der Verbraucherzentrale NRW hin etliche Klauseln in Lieferverträgen.

15. Juli 2009 | Die Dresdner Bank weigert sich, Lastschrifteinzüge für Teldafax durchzuführen. Als Grund führt die Bank die vom Teldafax-Vorstand am selben Tag genannte Liquiditätslücke von 40 Millionen Euro an, über deren Deckung das Unternehmen keine konkreten Angaben gemacht habe.

14. August 2009 | Der Bund der Energieverbraucher nimmt die Information von 2007 aus dem Netz und Teldafax zieht im Gegenzug die Klage gegen den Verein zurück.

14. September 2009 | Teldafax erhält ein neues Schreiben der Bundesnetzagentur. Der Großkonzern Vattenfall hat die Aufsichtsbehörde über einen Zahlungsrückstand von Teldafax in Höhe von mehr als drei Millionen Euro informiert. Die Netzagentur schreibt an Teldafax: „Sollten die Beschwerden über Zahlungsrückstände anhalten, sieht sich die Beschlusskammer gehalten, die Einleitung eines Verfahrens zur Prüfung der personellen, technischen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit zu erwägen“.

22. September 2009 | Auf einer außerordentlichen Führungskreissitzung wird die dramatische Lage besprochen. Der Vorstand referiert: „20 Millionen Euro sind Stand heute fällig, während weniger als zehn Prozent auf dem Konto zur Verfügung stehen. Am 1. Oktober werden 33 Millionen Euro Einzüge fällig“.

3. Oktober 2009 | Teldafax findet den Weg in Europas größte Fernsehshow „Wetten, dass..?“. Die Kooperation läuft über sechs Sendungen. Beim Auftakt in Freiburg sagt Moderator Thomas Gottschalk in die Kamera: „Unser neuer Partner Teldafax wird zu Ihrem Hausversorger und stellt einem von Ihnen für drei Jahre kostenlos Strom, Gas und Festnetztelefonie für Ihren Privathaushalt zur Verfügung.“

Oktober 2009 | Das Hauptzollamt Köln kommt nach einer gründlichen Untersuchung der Firma zu dem Schluss, dass Teldafax zahlungsunfähig ist. Dennoch stellt das Amt keinen Insolvenzantrag, sondern verhandelt mit der Firma über Ratenzahlungen. Nach der Pleite kann sich das Amt nicht mehr darauf berufen, nichts gewusst zu haben. Der Insolvenzverwalter fordert jetzt 160 Millionen Euro vom Fiskus, weil das Amt stillgehalten hatte, obwohl es von der Zahlungsunfähigkeit wusste. Der Insolvenzverwalter einigt sich mit dem Bundesfinanzministerium auf die Zahlung von 141 Millionen Euro, allerdings darf über den Deal nicht geredet werden. Im Gerichtssaal in Bonn muss der Insolvenzverwalter allerdings öffentlich mit der Wahrheit herausrücken und das Handelsblatt kann berichten.

22. Oktober 2009 | Finanzvorstand Alireza Assadi teilt Aufsichtsrat Michael Josten mit, dass er am 27. Oktober einen Insolvenzantrag stellen werde. Doch er kommt nicht mehr dazu. Am 26. Oktober 2009 wird Assadi vom Aufsichtsrat entlassen.

27. Oktober 2009 | Die Kanzlei Hermann teilt der Führung von Teldafax mit, dass der Konzern, insbesondere die Teldafax Energy GmbH als wichtigste Tochtergesellschaft, insolvenzreif sei.

7. Juni 2010 | Teldafax-Aufsichtsrat Josten wird in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal inhaftiert. Seit seiner Verurteilung sind mehr als drei Jahre vergangen.

1. Juli 2010 | Teldafax beginnt mit den Aktionen „Sommerpakt“ und „Treuepaket“. Ab sofort bietet das Unternehmen seinen Strom noch günstiger an. Bestandskunden werden dazu animiert, ihren Vertrag sofort zu verlängern – zu niedrigeren Preisen, aber gegen Vorkasse. Dabei wird kurzfristig Liquidität geschaffen, aber langfristig entstehen immense Verluste. Nach einem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft GKK Partners verliert Teldafax bei den Neukunden 5,6 Millionen Euro, bei den Bestandskunden sind es 14,7 Millionen Euro.

20. Oktober 2010 | Das Handelsblatt berichtet, dass Teldafax einem Schneeballsystem gleiche und von einem verurteilten Anlagebetrüger aus dem Gefängnis heraus gesteuert wird.

2361 Teldafax  Skandal in Zahlen / Zahlenquelle: Handelsblatt

20. Oktober 2010 | Die Rechtsanwaltskanzlei Flick Glocke Schaumburg weist den Teldafax-Vorstand schriftlich auf die bestehende Zahlungsunfähigkeit hin und mahnt an, dass eine Verpflichtung zur Stellung eines Insolvenzantrags bestehe.

November 2010 | Der russische Energiekonzern Energo Stream gewährt Teldafax über Zwischengesellschaften Darlehen in Höhe von 30 Millionen Euro.

3. November 2010 | Teldafax verklagt das Handelsblatt auf Unterlassung. Der Billigstromanbieter will der Zeitung gerichtlich verbieten lassen, das Geschäftsmodell von Teldafax als Schneeballsystem darzustellen.

4. November 2010 | Das Landgericht Köln erlässt eine einstweilige Verfügung gegen das Handelsblatt. Die Zeitung darf nicht mehr schreiben, dass Teldafax wie ein Schneeballsystem funktioniere. Das Handelsblatt wurde vor der Entscheidung nicht angehört.

26. Januar 2011 | Das Landgericht Köln entscheidet im Streit zwischen dem Handelsblatt und Teldafax zu Gunsten des Handelsblattes. Das Gericht hält die Berichterstattung der Zeitung für zutreffend. Die Darstellung, dass Teldafax wie ein Schneeballsystem funktioniert, sei zulässig. Teldafax muss die Kosten des Verfahrens tragen.

3. Februar 2011 | Teldafax-Vorstandschef Klaus Bath sagt bei einem Auftritt vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf, die negativen Medienberichte der vergangenen Monate hätten das Vertrauen der Kunden nicht geschmälert. Bath: „Von Oktober bis Dezember haben wir jeden Monat 50.000 Kunden gewonnen.“ Teldafax habe nun annähernd 600.000 Stromkunden und mehr als 160.000 Gaskunden.

8. Februar 2011 | Die Bundesnetzagentur leitet gegen Teldafax ein Verfahren zur Untersagung der Energielieferung ein. Es bestehe der Verdacht auf eine fehlende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

25. Mai 2011 | Teldafax erhält schon wieder einen neuen Chef. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit elf Wochen im Amt, gibt den Posten an seinen Vorstandskollegen Gernot Koch ab. Dieser sagt: „Die erste Hürde für den Neuanfang ist genommen. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir in der Lage sind, die Wende zu schaffen. In den kommenden Wochen werden wir vor allem durch Taten überzeugen und so wieder zu einem normalen Geschäftsalltag zurückkehren“.

14. Juni 2011 | Teldafax stellt nun endlich einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn.

28. Juni 2011 | Zwei Wochen nach dem Insolvenzantrag und acht Monate nach dem ersten Pressebericht über das Schneeballsystem Teldafax läuft in Troisdorf die Staatsanwaltschaft Bonn auf. 50 Beamte suchen nach Beweisen für eine Insolvenzverschleppung und gewerbsmäßigen Betrug. Der Name Michael Josten fehlt auf der Liste der Verdächtigten.

23. September 2011 | Der Bund der Energieverbraucher vergibt die „Trübe Funzel“ an Flexstrom.

31. Januar 2012 | Das Landgericht Bonn untersagt dem Bund der Energieverbraucher auf eine Klage von Flexstrom hin die Behauptung, die Preise deckten die Kosten der Belieferung nicht und das Unternehmen mache Verluste.

13. November 2012 | Das Handelsblatt berichtet unter dem Titel „Sorge um Billiganbieter Flexstrom“ erstmals über Unregelmäßigkeiten beim ehemaligen Teldafax-Konkurrenten und die neue Nummer eins unter den Billigstromanbietern. Mehrere Netzbetreiber klagen über Unregelmäßigkeiten bei der Bezahlung der Netzentgelte und verlangen für den Transport des von Flexstrom verkauften Stroms durch ihre Leitungen Vorkasse. Konkurrenten werfen Flexstrom Dumping und „unseriöse Geschäftspraktiken“ vor. Die Parallelen zu Teldafax sind unübersehbar.

12. April 2013 | Flexstrom meldet Insolvenz an, ebenso die Tochtergesellschaften Optimalgrün, Löwenzahn Energie und Flexgas. Fünf Tage später wird die Belieferung der Kunden eingestellt. 835.000 Gläubiger melden Forderungen in Höhe von 511 Millionen Euro an, zumeist Kunden mit Vorkasseverträgen.

30. September 2013 | Auch der Fall Flexstrom beschäftigt die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Berlin bestätigt, dass sie gegen Verantwortliche des Billiganbieters ermittelt. Der Vorwurf lautet Insolvenzverschleppung und Betrug. Betroffen sind die Gründer Robert und Thomas Mundt.

4. November 2013 | In der Aufarbeitung der Teldafax-Affäre erzielt die Staatsanwaltschaft Bonn einen ersten Erfolg. Die Marketing-Chefin von Teldafax, Claudia Nowak, akzeptiert einen Strafbefehl. Sie ist damit wegen der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

18. Februar 2014 | Der Prozess gegen die Verantwortlichen von Teldafax beginnt. Klaus Bath, Michael Josten und Gernot Koch müssen sich vor dem Landgericht Bonn verantworten. Die Anklage lautet auf Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betrug und Bankrott.

5. November 2015 | Auf dem Deutschen Insolvenzverwalter-Kongress 2015 in Berlin gibt der Insolvenzverwalter Biner Bähr bekannt, dass er bereits 214,4 Millionen Euro für die Gläubiger von Teldafax eingesammelt hat. Plus rund 40 Millionen Euro Zinsen. Der Insolvenzverwalter holte sich das Geld vom deutschen Fiskus, von Netzbetreibern, von Bayer Leverkusen und vielen anderen. Bähr kündigt an, weitere 100 Millionen Euro einzusammeln. Wer Geld von einem insolvenzreifen Unternehmen vereinnahmt, muss es später dem Insolvenzverwalter zurückzahlen, wenn zu beweisen ist, dass die Insolvenzreife bekannt war. Dieser Beweis ist dem Insolvenzverwalter in zahlreichen Gerichtsverfahren gelungen.

2. Februar 2016 | 53. Verhandlungstag im Strafverfahren vor dem Landgericht Bonn gegen die ehemaligen Teldafax-Vorstände.