Bye-bye Grundpreis

Bye-bye Grundpreis

Selbst wer gar keinen Strom verbraucht, wird vom Versorger trotzdem zur Kasse gebeten: 50 bis 120 Euro pro Jahr muss er für den „Grundpreis“ berappen. Doch die Argumente für den Grundpreis sind überholt. Es ist also höchste Zeit, von dem verbraucherunfreundlichen Modell Abschied zu nehmen. Progressive Tarife könnten effektive Anreize bieten, Energie zu sparen.

(08. Dezember 2011) Vor der Liberalisierung der Energiemärkte begründeten die Versorger den Grundpreis damit, dass der Verbraucher nicht nur für seinen Energieverbrauch zu zahlen hat, sondern auch für die Bereitstellung der dazu notwendigen Infrastruktur, also Kraftwerke und Leitung – und zwar unabhängig von der verbrauchten Strommenge.

Doch seit der Öffnung der Energiemärkte entbehrt dieses Argument jeglicher Grundlage: Die Kosten der Stromnetze werden mit den Netzentgelten abgegolten. Die Netzentgelte sind als Betrag je Kilowattstunde festgelegt. Darüber hinaus beschaffen die Energieversorger den Strom an den Handelsplätzen und halten meist selbst -  keine Kraftwerke vor. Derzeit wird diskutiert, ob Prämien für die Bereithaltung von Kraftwerken eingeführt werden sollten, weil die Anreize für den Kraftwerksneubau zu gering seien. Dabei ist jedoch noch völlig offen, wer diese Prämie künftig zahlen soll und wie Versorger sie an ihre Kunden weitergeben können.

Ein veraltetes System

Ein Stromversorger muss also keine eigenen Kraftwerkskapazitäten mehr vorhalten und auch keine Leitungsnetze betreiben. Deshalb wäre es an der Zeit, den Grundpreis völlig abzuschaffen: Abgesehen von den (marginalen) Zähler- und Abrechnungskosten entbehrt er jeglicher Berechtigung.

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Im Gegenteil: Die Grundpreise sind eine Effizienzbremse. Je höher der Energieverbrauch liegt, umso weniger fällt der Grundpreis gegenüber dem Arbeitspreis ins Gewicht: Umgelegt auf die verbrauchte Kilowattstunde wird der Grundpreis mit steigendem Verbrauch immer geringer. Ein hoher Verbrauch wird also belohnt, Energiesparen bestraft.

Die Lösung: Progressive Tarife

Umweltschützer fordern schon seit vielen Jahren, die Grundpreisstruktur durch progressive Tarife zu ersetzen. Statt den Verbraucher auch bei null Energieverbrauch zur Kasse zu bitten, könnten Energieversorger eine Gutschrift geben. Somit müsste der Verbraucher für den ersten Stromverbrauch nichts bezahlen. Statt gar keinen oder einen nur geringen Verbrauch zu bestrafen, tritt der gegenteilige Effekt ein: Der Bonus verbilligt den Verbrauchspreis. Diese Verbilligung nimmt mit zunehmendem Verbrauch ab, weil sich der Bonus auf eine immer größere Strommenge verteilt. Doch letztlich belohnt der Bonus Energiesparer mit einem geringeren Kilowattstundenpreis – während umgekehrt Vielverbraucher tiefer in die Tasche greifen müssen. Trotzdem kommt der Versorger auf seine Kosten.

Doch die Stromversorger sind seit Jahrzehnten vor allem an höheren Verbräuchen interessiert, um ihre Umsätze und Gewinne zu erhöhen. Sie sperren sich deshalb mit allen erdenklichen Ausflüchten gegen einsparfördernde progressive Tarife. Doch der Atomausstieg und die beschlossene Energiewende bieten einen Anlass für eine erneute Diskussion um progressive Tarife. Darüber hinaus bieten progressive Tarife einen effektiven Schutz gegen Energiearmut: Bleibt ein Bezugsminimum kostenlos, wird es auch bei völliger Zahlungsunfähigkeit geliefert.

Hemmschuh Liberalisierung

Insgesamt lohnen sich progressive Tarife vor allem für Wenigverbraucher. Wenn Verbraucher Versorger und Tarif frei wählen können, werden nur Wenigverbraucher in progressive Tarife wechseln, Vielverbraucher dagegen andere Tarife bevorzugen. Deshalb sind progressive Tarife mit einem völlig liberalisierten Strommarkt schwer vereinbar. Dennoch bieten sie gesamtwirtschaftliche Vorteile, weil ein geringerer Verbrauch den Neubau von Kraftwerken und Leitungen reduziert und damit die Gesamtkosten der Stromerzeugung senkt. Es ist eine politische Aufgabe, auch die Steuerungswirkung progressiver Tarife zu nutzen. Das Energiewirtschaftsgesetz schreibt Versorgern zwar vor, dass sie Tarife anbieten müssen, die Anreize zur Steuerung und Senkung des Energieverbrauchs setzen. Das gilt aber nur soweit technisch machbar und wirtschaftlich zumutbar. Zudem muss jeder Anbieter nur einen Stromspartarif anbieten. Doch ohne Verbindlichkeit läuft diese Regelung ins Leere.

Internationale Beispiele

In Italien, Kalifornien und Ägypten gibt es seit den 70er-Jahren progressive Tarife. Sie stammen noch aus der Zeit, als die Politik auf die nationalen Energiekrisen reagieren musste. In Italien spielte dabei auch die unzureichende Netzkapazität eine wichtige Rolle. Auch in Kalifornien gab es im Jahr 2001 flächendeckende Blackouts. Dort wurde die Grundgebühr bereits vor 30 Jahren abgeschafft.

761 Stromrechnung in Kalifornien

Stromrechnung in Kalifornien: Die Basismenge von 242 Kilowattstunden kostet 11,877 Cent je Kilowattstunde. Die höheren Verbrauchsmengen werden immer teurer. Die 60 kWh, die um 300 Prozent über der Basismenge liegen, kosten dann schon 49,778 Cent je Kilowattstunde. In Kalifornien wurden die Grundpreise schon vor 30 Jahren abgeschafft. Im Unterschied zu den USA gab es in Kalifornien in den vergangenen Jahren keinen Zuwachs des Pro-Kopf-Stromverbrauchs.

In Italien sind sowohl Netzentgelte als auch Steuern progressiv. Diese Bestandteile des Strompreises unterliegen nicht der Liberalisierung, sondern werden ohnehin staatlich gesteuert. So ist in Italien der liberalisierte Strommarkt mit einem progressiven Tarif vereinbar. Modellrechnungen für Kalifornien haben ermittelt, dass progressive Tarife den Haushaltsstromverbrauch um sechs bis zehn Prozent senken. Langfristig könnte mit der richtigen Preispolitik der Verbrauch sogar um 20 Prozent sinken und die Kosten um 25 Prozent.

In Deutschland machen Netzentgelte derzeit 24 Prozent und die Stromsteuer neun Prozent des Strompreises aus. Eine progressive Gestaltung dieses Anteils ließe sich wettbewerbskonform so gestalten, dass ein spürbarer Anreiz zum Energiesparen entsteht. Voraussetzung wäre jedoch eine gravierende Umgestaltung der Entgelt-regulierung.


Eine neue Studie von Kerstin Tews vom Forschungszentrum für Umweltpolitik der FU Berlin diskutiert progressive Tarife im aktuellen Kontext (FFU-Report 05-2011). Es handelt sich um die erste Machbarkeitsstudie progressiver Tarife für Deutschland.

Atomausstieg und Mengenrabatt beißen sich. Verzicht auf Mengenrabatt macht AKW überflüssig.“ Artikel von U. Gasche.