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(21. Januar 2007) Die deutschen Stromriesen nutzen ihre
Marktmacht für weit überhöhte Preise. Zu diesem
Ergebnis kommt ein Gutachten der TU Dresden im Auftrag des
Industrieverbands VIK. Die Wissenschaftler fordern als Konsequenz
eine radikale Entflechtung von Eon, RWE und Co.
Der Dresdner Professor Christian von Hirschhausen weist im Detail
nach, wie die Stromriesen ihre Marktmacht ausnutzen. Demnach lagen
die Preise an der Leipziger Strombörse im ersten Halbjahr 2006
im Schnitt fast ein Viertel höher als in einem
funktionierenden Wettbewerb. Außerdem missbrauchen die
Konzerne die kostenlos zugeteilten Kohlendioxid-Zertifikate massiv
zur eigenen Profitmaximierung.
Steigende Zertifikatspreise an der Börse geben Eon, RWE, ENBW
und Vattenfall demnach viel schneller an die Kunden weiter als
fallende. Die Auswirkung steigender CO2-Preise auf die Stromtarife
sei drei Mal stärker als bei sinkenden Kursen der Zertifikate,
so Hirschhausen. "Das ist ein typisches Zeichen für
fehlenden Wettbewerb", sagte er bei der Veröffentlichung
der Studie.
Zwischen 2004 und 2006 lagen die Strompreise in Deutschland laut
Gutachten weit über dem Niveau, das bei echtem Wettbewerb
erreicht würde. Als Grundlage diente der Vergleich mit den so
genannten Grenzkosten. Das ist in der Ökonomie der Aufwand,
der für eine zusätzlich produzierte Einheit entsteht. Bei
vollständiger Konkurrenz sind Grenzkosten und Preise gleich.
Je stärker die Abweichung, desto weniger Wettbewerb
existiert.
Im Jahr 2004, also vor dem Start des Emissionshandels, lagen die
Strompreise an der Börse demnach im Mittel 18,5 Prozent
über den Grenzkosten. Bei einem Viertel der untersuchten Menge
waren es sogar 30 Prozent und mehr. Die Grenzkosten bewegten sich
damals laut Studie zwischen 27 und 30 Euro je Megawattstunde, die
Marktpreise aber zwischen 35 und 45 Euro.
Nach der kostenlosen Zuteilung der CO2-Zertifikate nahm die
Abweichung sogar noch zu. Das wertet Hirschhausen als klaren Beweis
dafür, dass die Stromriesen ihre Marktmacht für weitere
Preis- und Gewinnsteigerungen ausnutzten. Insgesamt seien die
Preise an der Leipziger Strombörse deutlich
überhöht, kritisiert auch der Auftraggeber der Studie,
der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft. Der VIK
vertritt seit mehr als 50 Jahren die Interessen der industriellen
Energiekunden.
Der deutsche Strommarkt wird seit der Liberalisierung und
Privatisierung von nur vier Anbietern dominiert, die fast 90
Prozent der Produktion beherrschen und den Markt auch regional
aufgeteilt haben. In diesen Teilmärkten gebe es nur geringen
Wettbewerb, so die Studie. In anderen liberalisierten Ländern
wie Großbritannien sei die Konkurrenz viel höher.
Das Gutachten fordert auf dem Strommarkt eine härtere
Ordnungs- und Wettbewerbspolitik. Dabei sei die Trennung von
Erzeugung und Netzen vordringlich und unverzichtbar, so
Hirschhausen. Das Allgemeinwohl gehe vor, die Eigentumsrechte der
Stromriesen seien nachrangig auch im Sinne des Grundgesetzes.
Die damalige Bundesregierung hatte bei der Liberalisierung des
Strommarkts auf die von Experten geforderte Trennung von Netz und
Betrieb verzichtet und den vormals überwiegend staatlichen
Konzernen ihre Stromleitungen gelassen. Das gilt vielen Fachleuten
heute als einer der Kardinalfehler. "Die Netztrennung ist
zwingend nötig", sagt Hirschhausen. Die Regierung habe
zudem sechs bis sieben Jahre Zeit verschwendet, da sie die
EU-Vorgaben von 1996 erst spät umgesetzt und auf freiwillige
Zugeständnisse der Energiebranche vertraut habe, anstatt auf
strenge Regulierung zu setzen. Diese "Verbände-
Vereinbarung" der Branche sei aber nichts als ein Treppenwitz
gewesen, spottet Hirschhausen.
Erst mit der Einsetzung des Netzregulierers seien die
Durchleitungspreise, mit denen die Stromriesen die Preise
hochhalten und Konkurrenz im eigenen Netz behindern, stark
gesunken. Die Regulierung allein aber reiche nicht mehr aus, warnt
der Experte. Auch der Bau neuer Kraftwerke werde die Lage am Markt
frühestens von 2012 an verändern. Es sei aber richtig,
die Teilnahme neuer Anbieter zu fördern.
Nichts hält der Professor von der These, bei einer Trennung
von Netz und Betrieb verlören RWE, Eon und Co. ihre Rolle als
"nationale Champions" und könnten leichte Opfer
für ausländische Konkurrenten wie Gazprom oder EDF
werden. Auch ein Konzern wie British Gas sei ohne Leitungsnetz ein
wichtiger Spieler auf den Weltmärkten geblieben.



