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Gemeinsame Vorsorge
Sind wir als Gesellschaft gewappnet gegen die Belastungen, die ein künftiger Energiepreisanstieg mit sich bringt?

Gemeinsame Vorsorge

Sind wir als Gesellschaft gewappnet gegen die Belastungen, die ein künftiger Energiepreisanstieg mit sich bringt? Diese Frage wird zu selten diskutiert. Eine Ausnahme macht eine aktuelle Studie aus Österreich.

(4. September 2015) Wird auf einer Computerplatine auch nur ein Draht durchgeschnitten, oder geht auch nur ein einziges Bauteil kaputt, funktioniert nichts mehr. Ein Fall für den Mülleimer. Lebende Organismen haben dagegen ­Reparaturmechanismen wie zum Beispiel das menschliche Immunsystem entwickelt, die extrem komplex aber effizient organisiert sind und sich zusätzlich auch noch laufend an veränderte Bedrohungen anpassen können.

2393 Comic Globus wird abgebaggert

Die Fähigkeit, mit Angriffen und Veränderungen umzugehen, ist ein wesentliches Merkmal des Lebendigen. Der Ausdruck „Resilienz“ umschreibt diese Fähigkeit. Ob unsere Zivilisation sich ausreichend vor schock­artigen Veränderungen schützt, daran muss gezweifelt werden. Schon der Ausfall von einer oder zwei der wichtigen Lebensadern, an ­denen unsere Energieversorgung hängt – Höchstspannungsleitungen, Gas- oder Ölpipelines – führt zu unabsehbaren Zuständen. Über die Folgen hat nie jemand ernsthaft nachgedacht oder daraus Resilienz-Strategien ent­wickelt. Wer sich jetzt entspannt zurücklehnt in der Hoffnung, die Energiewende sei ja gestartet und im Gange, der irrt sich. Unsere Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen liegt auf EU-Ebene bei 53 Prozent und hat zugenommen.

Studie zur Resilienz

Eine aktuelle österreichische Studie hat untersucht, wie krisenfest die Regionen Österreichs angesichts mittelfristig weltweit rückläufiger Erdölförderung sind (Peak-Oil). Dafür wurde Faktoren nachgespürt, die einer Gesellschaft inneren Halt geben, damit sie in Krisenzeiten nicht zerbricht. Resilienz ergibt sich der Studie nach aus dem Verhältnis zwischen Verwundbarkeit und Anpassungsfähigkeit.

Peak-Oil könnte einen Rückgang der weltweiten Ölförderung um jährlich ein Prozent bedeuten. Das Weltbruttoprodukt könnte ebenfalls um jährlich ein Prozent abnehmen. Sinkender Output wäre, so die Studie, kaum noch im Rahmen einer kapitalistischen Produktionsweise denkbar. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch die Studie der Bundeswehr zu den Folgen von Peak-Oil (Peak-Oil: Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen, 2011, PDF-Download: http://tinyurl.com/ntd23ut).

Aus der Vergangenheit lässt sich lernen, welche Erfahrungen unterschiedliche Länder mit der Verknappung von Erdöl gemacht haben (Japan, Nordkorea, Kuba). Über die Studie von Jörg Friedrichs haben wir in der Energiedepesche bereits berichtet.

Bemerkenswert ist die neue österreichische Studie, weil sie schwer fassbare gesellschaftliche Faktoren in die Betrachtung einbezieht und sich nicht nur auf technische Faktoren wir Energieeffizienz oder die Abhängigkeit von fossilen Energien beschränkt. Soziale Gleichheit ist von zentraler Bedeutung für Lebensqualität, Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und Innovationen, so die Resilienzstudie. Eine Grafik zeigt eine deutliche Beziehung zwischen Gesundheits- und Sozialproblemen und der Einkommensungleichheit. Soziale Gleichheit korreliert positiv mit Innovations- und Kooperationsfähigkeit, Vertrauen, sozialer Verantwortlichkeit und ökologisch verträglichem Verhalten.

2393 Diagramm Index von Gesundheits- und Sozialproblemen

Eine wichtige Komponente der Resilienz ist das Sozialkapital. Die Studie beschäftigt sich mit dem Sozialkapital in Form von bonding = Zuneigungsbeziehungen = Zusammenhalt innerhalb von Gemeinschaften (Vereine, Gewerkschaften, Genossenschaften), Bridging = Brückenbeziehungen = Zusammenhalt zwischen verschiedenen Gemeinschaften (Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung, Integrations­willigkeit) und Linking = Kontaktbeziehungen = vertikale Netzwerke von Gemeinschaften zu mächtigeren Akteuren.

Solidarische Postwachstumsgesellschaft

Der Höhepunkt der Erdölförderung markiert einen Epochenbruch, so die Studie. Die damit einhergehende dramatische Reduktion von Energieverbrauch und wirtschaftlichem Output erfordert einen sozio-ökonomischen Umbau zu einer „solidarischen Postwachstumsgesellschaft“.

Änderungen sind auf drei Ebenen notwendig:

  • demokratische Krisen­pläne zur unmittelbaren Abschwächung von Peak-Oil (langfristige Bevorratung lebensnotwendiger Güter, Aufbau lokaler autarker Produktionsreserven, Planung demokratischer Zuteilungs­mechanismen essenzieller Güter im Krisenfall),
  • sektorale Anpassungen (Energieverbrauchsminderung, ÖPNV-Systeme, Rückverteilung von Reichtum, Wärmedämmoffensive, erneuerbare Energien) und
  • Wandel zu einer gemeingüterbasierten solidarischen Produktionsweise (demokratische Wirtschaftslenkung, Demonetarisierung).

Eine solche Ökonomie beruht auf einem hohen Maß sozialer Gleichheit. Erstens weil soziale Gleichheit der wichtigste Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden in reichen Ländern ist, zweitens weil soziale Gleichheit den Zwang zum Statuskonsum und damit einen wesentlichen Verbrauchs­treiber mildert, drittens weil soziale Gleichheit die nötige Outputreduk­tion und den Übergang in eine stationäre Ökonomie erleichtert.

Integrierte Energiesiedlungen

Das internationale Forschungszentrum für Erneuerbare Energien (www.ifeed.org) hat im Auftrag der UN Planungsunterlagen für integrierte Energiesiedlungen entwickelt. Ein intelligenter Mix erneuerbarer Energien deckt den Energiebedarf. Auch die Lebensbedingungen für die in der Siedlung lebenden Menschen und Tiere werden verbessert. Bisher wurden weltweit zehn Siedlungen geplant. In Wierthe in Niedersachsen wurde ein solcher Plan jetzt vollständig umgesetzt.

Welche Regionen sind resilient?

Die Studie kommt zu folgenden Schlussfolgerungen: Die Lebensqualität einer Region ist umso resilienter,

  • je geringer der Verbrauch fossiler Ressourcen ist und je besser der ÖPNV ausgebaut ist,
  • je besser die Lagerhaltung bei Brennstoffen und Nahrungsmitteln und je höher die regionale Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln ist,
  • je besser die Ausstattung mit Sozial- und Bildungseinrichtungen sowie Ärzten ist,
  • je weltoffener, toleranter, demokratischer und fremden­freundlicher sie ist,
  • je mehr sie Menschenrechte respektiert und allen Gruppen gleiche Teilhabe/Mitgestaltung ermöglicht,
  • je mehr ihre Betriebe ein starkes Sozialkapital aufweisen (Genossenschaften u.ä.) und je mehr sozial innovative Gruppen (CSA, Food Coops, Bürgerinitiativen etc.) es gibt,
  • je besser handwerkliche, landwirtschaftliche, soziale und kommuni­kative Kompetenzen im Bereich Erneuerbare ausgebildet sind und je mehr „Change Agents“ es gibt,
  • je höher das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und die Kaufkraft ­pro Kopf sind,
  • je geringer das Verhältnis von Schulden zu Einnahmen ist,
  • je krisensicherer die Einnahmen der öffentlichen Hand sind (wenig Massen- und Energiesteuern),
  • je vielfältiger, dynamischer, stabiler und ausgewogener die Wirtschaft ist und je weniger Firmen von globalen Finanzmärkten abhängen,
  • je gleicher Einkommen, Vermögen und Ressourcenbesitz verteilt sind,
  • je höher die Lohnquote und je besser das Arbeitsplatzangebot ist,
  • je intensiver, vielfältiger und kritischer die öffentliche Debatte zu gesellschaftlichen Problemlagen wie Peak-Oil ist und entsprechende Notfallpläne existieren.

Buchtipp: Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind von Wilkinson und Kate Pickett, erschienen im Tolkemit Verlag bei Zweitausendeins. ASIN: B012 U7 RE 54 Kindle, 14,99 Euro