Klimawandel

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Wir verantworten unsere Zukunft

Die negativen Nachrichten aus der Klimawissenschaft und die trostlose Verschleppung der notwendigen Klimawende durch die Politik führen zu fatalem Pessimismus und lähmen unser Handeln. Das neue Buch „The Future We Choose: Surviving the Climate Crisis“ von Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnac ermuntert zum Optimismus.
Von Aribert Peters

(6. August 2020) Was das Buch besonders interessant macht, ist der Blickwinkel der beiden Autoren. Sie betrachten nicht nur den fortschreitenden Klimawandel und die Untätigkeit der politischen Entscheider weltweit, sondern ergründen die Ursachen. Christiana Figueres hat als UN-Verhandlungsleiterin das Pariser Klimaabkommen durchgesetzt und kennt damit die Wurzeln der bestehenden Probleme. Tom Rivett-Carnac ist als Umweltmanager ebenfalls ein ausgewiesener Experte und ermuntert als früherer Zen-Mönch zum Optimismus. Ihr gemeinsames Werk ist bisher nur im englischen Originaltext verfügbar. Wir haben nachfolgend für Sie die wichtigsten Darstellungen und Argumente aus dem Buch zusammengestellt und übersetzt. Die englische Originalausgabe ist im deutschen Buchhandel bestellbar.

2712 Cover Buch The Future We Choose: Surviving the Climate Crisis  The Future We Choose: Surviving the Climate Crisis 

  Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnac

  Englische Originalfassung 25. Februar 2020

  240 Seiten | Knopf Verlag | ISBN: 9780525658351 | etwa 12 Euro

 

Wo wir stehen

Am Anfang des Buches steht eine nüchterne Analyse der Handlungsnotwendigkeiten: Bis 2050, besser noch bis 2040, müssen wir den Ausstoß von Treibhausgasen in die Atmosphäre beenden. Bis 2030 müssen wir die Emissionen halbiert haben. Das ist das absolute Minimum für eine 50-prozentige Chance, die Menschheit vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Der Klimawandel geht nicht auf einer geraden Linie: Ein bisschen mehr Emissionen bringen nicht nur ein bisschen Verschlechterung. Viele Teile des Klimasystems sind am Kippen, wie das arktische Sommereis, das Grönlandeis, die Permafrostböden oder Amazonaswälder. Wenn diese Systeme kippen, führt das zu irreparablen Schäden weltweit. Ein unkontrollierbarer Domino-Effekt der Verwüstung. Dieser Geist kann, einmal freigelassen, nicht wieder in die Flasche zurückgezwungen werden. Die Meilensteine 2030 und 2050 basieren auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Bald wird es zu spät sein.

Wohin wir gehen

Die bevorstehende Verwüstung ist immer wahrscheinlicher geworden, aber keine unumstößliche Tatsache. Die ganze Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben, wir halten den Stift noch in der Hand. Tatsächlich halten wir ihn fester als je zuvor. Die Welt, die wir jetzt gerade erschaffen, führt zu einer Erwärmung um 3 Grad Celsius, wenn die Regierungen, Unternehmen und die Menschen keine höheren Anstrengungen unternehmen. Wenn nicht einmal die Zusagen aus dem Pariser Abkommen aus dem Jahr 2015 eingehalten werden, dann ist sogar eine Erwärmung um 4 bis 5 Grad zu erwarten. Dieses Bild ist dunkel. Selbst wenn die schlimmsten Dinge erst nach 2050 passieren, wird die Misere bis dahin groß sein und wir werden in einer Welt leben, die sich beständig verschlechtert ohne eine Erholungsmöglichkeit. Wir haben unser Aussterben eingeleitet.

2712 Globus-Kugel auf Weltatlas / Foto: Mtys / stock.adobe.com

Unbeugsamer Optimismus

Im Zentrum des Buches steht die Kraft des Optimismus. Wenn wir vor einer komplexen Aufgabe stehen, mag es seltsam scheinen, zuerst ins eigene Innere zu schauen. Aber es ist entscheidend. Wandel ist eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen ergeben sich aus unserem Denken. Ein heller Geist bringt dich voran, ohne ihn gibt es keinen Fortschritt. Buddha verstand auch, dass wir unseren Einstellungen nicht ausgeliefert sind, sondern sie selbst hervorbringen. Für die meisten von uns bedeutet das, dass wir uns selbst umprogrammieren müssen.

Hilflosigkeit allerorten

Hinsichtlich des Klimaschutzes haben sich die meisten von uns mit einer Situation der Machtlosigkeit und Hilflosigkeit abgefunden. Wir sehen, welchen Weg die Welt nimmt und wir heben die Hände über den Kopf: Es ist schrecklich und noch dazu komplex, groß und überwältigend. Wir können nichts tun, um es zu stoppen. Diese Reaktion ist nicht nur unwahr, sie ist auch verantwortungslos.

Optimismus lässt sich lernen

Wenn Sie denken, es ist zu spät, erinnern Sie sich, dass jeder kleine Bruchteil geringerer Erderwärmung einen großen Unterschied ausmacht und jede Emissionsminderung die künftigen Belastungen mindert. Wenn Sie das alles zu deprimierend finden und sich lieber auf Dinge konzentrieren, die Sie direkt beeinflussen können, erinnern Sie sich daran, dass wenn Sie sich dieser Generationsaufgabe stellen, sich Ihr Leben mit Sinn, Bedeutung und Verbindung füllt.

Wenn Ihr Kopf sagt, es sei unmöglich, die Abhängigkeit von Fossilenergien zu verringern, erinnern Sie sich daran, dass sich Großbritannien zu 50 Prozent aus sauberer Energie versorgt und Costa Rica inzwischen zu 100 Prozent sauber ist.

Wenn Ihr Kopf sagt, das politische System sei unheilbar krank, so dass man ohnehin nichts machen kann, erinnern Sie sich daran, dass das politische System auf die Ansichten von Menschen reagiert. Es gab in der Geschichte immer Menschen, die in aussichtslosen Lagen politische Änderungen herbeigeführt haben.

Wenn Ihr Kopf sagt, als Einzelner könne man doch nichts ausrichten und das eigene Verhalten spiele daher keine Rolle, erinnern Sie sich daran, dass selbst kleine Wirkungen große Änderungen herbeiführen können. Und viele kleine Aktionen können zu einer neuen Welt führen. Immer, wenn Sie sich als verantwortungsvoller Hüter dieser schönen Erde fühlen, tragen Sie zu dieser großen Änderung bei.

Positive Signale wahrnehmen

Ohne die vielen schlechten Neuigkeiten der Klimawissenschaft und der Medien zu ignorieren, können Sie sich auf die Wahrnehmung positiver Signale konzentrieren. Die Preise für Erneuerbare fallen ständig, immer mehr Länder wollen bis 2050 oder noch früher emissionsfrei sein, viele Städte verbieten Verbrennungsautos und immer mehr Geld wird in öffentliche Verkehrsmittel sowie Erneuerbare investiert. Alles das geschieht noch nicht im notwendigen Umfang. Aber es passiert.

Optimismus besteht darin, dies bewusst wahrzunehmen und damit die erwünschte Zukunft aktiv herbeizuführen.

Das Paris-Abkommen

Die Kraft des Optimismus wird in der Schilderung des Paris-Abkommens deutlich, das die Buchautorin Christiana Figueres zum Erfolg führte. Als Figueres von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Verantwortung für die internationalen Klimaverhandlungen übertragen bekam, glaubte keiner der UN-Verantwortlichen, dass ein weltweites Klimaabkommen möglich sei. Jeder dachte, das sei zu kompliziert, zu teuer und außerdem sowieso zu spät. Eine der schwersten Aufgaben bestand darin, diese negativen Meinungen zu ändern. Der erste Schritt war die eigene Haltung.

Als neugebackene Stimme des gesamten internationalen Prozesses gab sie ihre erste Pressekonferenz im fensterlosen Saal des Maritim Hotels in Bonn. Sie wurde gefragt: „Ist ein weltweites Klimaabkommen möglich?“ Sie antwortet spontan: „Nicht im Leben“, und drückte damit die Überzeugung aller Anwesenden aus. Sie erkannte diese negative Haltung als das Problem, das es zu überwinden galt. „Unmöglich“ ist kein Fakt, sondern nur eine Haltung. Sie wusste nun, dass es ihre Aufgabe war, jedermann einen Beitrag zu einer gemeinsamen Lösung zu ermöglichen. Wie das möglich sein sollte, war unklar. Aber es gab keine Alternative.

Der entscheidende Erfolgsfaktor war die ansteckende Geisteshaltung des Optimismus. Optimismus bedeutet Mut, Hoffnung, Vertrauen, Solidarität und der tiefe Glauben, dass wir Menschen einander helfen können, das Schicksal der Menschheit zu verbessern.

Es war ein unglaublicher Moment, als im Dezember 2015 das Paris-Abkommen beschlossen wurde: 5.000 Menschen sprangen auf von ihren Sitzen, klatschten, weinten, schrien, hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zweifel, ob das wirklich wahr sei. So viele Menschen hatten jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet, und jetzt war es Wirklichkeit geworden.

www.globaloptimism.com

Was Sie jetzt tun können.

Die Autoren geben in ihrem Buch abschließend konkrete Anregungen: „Das ist eine Handlungsanleitung für die wachsende Bewegung von unbeugsamen Klimaaktivisten.“

Genau jetzt

  1. Einen tiefen Atemzug nehmen und sich dafür entscheiden, das gemeinsam zu tun und dabei deinen Part übernehmen. Du wirst ein hoffnungsvoller Visionär der Menschlichkeit sein in diesen dunklen Tagen. Von diesem Moment an endet die Verzweiflung.
  2. Reduziere die durch dich verursachte Klimabelastung bis zum Jahr 2030 um die Hälfte des heutigen Wertes. Versuche 60 Prozent zu erreichen. Es wird dich nicht aufhalten, dass du noch nicht weißt, wie du das anstellen sollst. Wir lernen alle.

Heute oder Morgen

  1. Ernähre dich mindestens einen Tag in der Woche fleischfrei. Und entscheide dich, wie schnell du weitere Tage hinzufügen willst.
  2. Erzähle anderen von deinem Engagement – Personen oder sozialen Medien. Sei nicht schüchtern. Ermutige andere, dir zu folgen. Dein Beispiel wird sie motivieren.

Diesen Monat

  1. Finde jemand in deinem Umfeld, der politische Aktionen gegen den Klimawandel unternimmt. Mach dabei mit. Demonstriere und marschiere. Erlebe die Inspiration durch eine engagierte Gruppe, die die Welt ändern will.
  2. Pflanze Bäume. So viele wie du kannst. Suche eine örtliche Gruppe, die Bäume pflanzt.
  3. Unterhalte dich mit jemandem, der nicht aktiv im Kampfe gegen den Klimawandel engagiert ist und versuche seine Sichtweise zu verstehen.
  4. Entscheide über dein Engagement. Was genau willst du dieses Jahr noch tun? Wie willst du die beabsichtigten Änderungen in Angriff nehmen?
  5. Beginne mit Achtsamkeitsübungen oder Atemübungen. Mache das jeden Tag für ein paar Minuten. Bringe Licht zwischen dich, die Welt und deine Reaktionen.
  6. Prüfe dein Verbrauchsverhalten. Was hast du gekauft und wie viel Freude hat es dir gebracht. Hinterfrage deine Kaufimpulse und spüre, wie befreiend es ist, weniger zu kaufen.
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Der Weltklimarat und der Klimawandel

Die Jugendbewegung „Fridays for Future“ und nahezu alle Klimaschutzorganisationen sind sich einig: Die Politik muss den Erkenntnissen der Wissenschaft folgen! Aber wer ist „die Klimawissenschaft“? Aribert Peters stellt Ihnen den Weltklimarat (IPCC), seine Arbeitsweise und seine wichtigsten Ergebnisse vor.
Von Aribert Peters

(3. August 2020) Bei der Zusammenfassung der Erkenntnisse zum Klimawandel leistet der „Weltklimarat“ der Vereinten Nationen (UN) eine entscheidende und unverzichtbare Arbeit. Der offiziell als „Intergovernmental Panel on Climate Change“, kurz IPCC, bezeichnete Ausschuss des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ist keine neue Erfindung. Er besteht bereits seit dem Jahr 1988 und erhielt im Jahr 2007 den Friedensnobelpreis.

2712 Konferenz 40th Session of the IPCC 2014 / Foto: IPCC

Der IPCC ist eine wissenschaftliche und politische Institution zugleich. Sein Auftrag ist es, den politischen Entscheidungsträgern den Stand der weltweiten wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel zusammenzufassen und aus wissenschaftlicher Sicht zu bewerten, ohne konkrete Handlungsempfehlungen zu geben. Die IPCC-Berichte werden vom IPCC-Plenum beschlossen, das mit von den einzelnen Regierungen nominierten Experten besetzt ist. Die Berichte sind das Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses. Jeder Fachwissenschaftler, gleich welcher Nationalität, kann sich an dem zweistufigen Review-Prozess für neue Berichte beteiligen. Die zehntausenden Kommentierungen werden von hunderten „Editoren“ zusammengefasst und eingearbeitet. So habe auch ich selbst als Reviewer den derzeit in Abstimmung befindlichen 6. Sachstandsbericht „AR6“ des IPCC kritisch kommentiert.

Ein kurzer Blick zurück

Im Jahr 1983 führten Umwelt- und Klimaprobleme zur Gründung der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, geleitet von der norwegischen Politikerin Gro Harlem Brundtland. Diese sogenannte „Brundtland-Kommission“ gab mit ihrem ersten Bericht im Jahr 1987 den Anstoß für die Einrichtung eines Weltklimarates.

Anderthalb Jahre später im Jahr 1988 wurde der IPCC gegründet. Er sollte die Forschungsergebnisse zur Klimaforschung zusammenfassen und klären, welche Gefahren vom Klimawandel ausgehen und wie die Menschheit darauf reagieren kann. Schon in seinem ersten Bericht im Jahr 1990 bestätigte der IPCC den menschlichen Einfluss auf das Klima.

Die Erkenntnisse aus diesem ersten Bericht gaben den Anstoß zur ersten Umweltkonferenz im Jahr 1992. In Rio de Janeiro verständigten sich die teilnehmenden 190 Staaten auf ein „Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung der Erde“ sowie die UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC), um gefährliche menschengemachte Störungen künftig zu verhindern. Man vereinbarte damals zudem, dass sich die Unterzeichnerstaaten jährlich einmal zu einer „Vertragsstaatenkonferenz“ genannten Klimakonferenz (englisch „Conference of Parties“, kurz COP) treffen. Auf der dritten Konferenz in Kyoto im Jahr 1997 einigte sich die Staatengemeinschaft im sogenannten Kyoto-Protokoll darauf, dass die 36 Industriestaaten ihre Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2008 um 5,2 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 mindern müssen.

2712 Redner 40th Session of the IPCC 2014 / Foto: IPCC

Das Übereinkommen von Paris

Auf der 20. Vertragsstaatenkonferenz in Paris wurde im Jahr 2015 beschlossen, dass die globale Erwärmung bis zum Jahr 2050 unter zwei Grad und möglichst sogar unter 1,5 Grad bleiben sollte, keinesfalls aber zwei Grad überschreiten dürfe. 195 Staaten unterzeichneten den Vertrag, auch China und die USA. Die von den beteiligten Staaten bisher geplanten Emissionsminderungen reichen jedoch – selbst, wenn sie allesamt auch tatsächlich umgesetzt würden – bei weitem nicht aus, um diese Paris-Ziele zu erreichen. Die Webseite „Climate Action Tracker“ fasst dies anschaulich zusammen.

Der von der EU-Kommission im Dezember 2019 vorgelegte Green Deal sieht darüber hinaus vor, dass die EU bis zum Jahr 2050 die Netto-Treibhausgasemissionen auf null reduziert. Bis 2030 sollen die Emissionen um 50 bis 55 Prozent, statt wie bisher geplant um 40 Prozent, gegenüber 1990 vermindert werden. Dieses Ziel verfolgt auch das deutsche Bundes-Klimaschutzgesetz. Über die Fortschritte der Mitgliedsstaaten berichten die nationalen Energie- und Klimapläne (NECPs), die von der EU gesammelt und veröffentlicht werden. Die EU-Kommission hat zudem im März 2020 unter dem Oberbegriff eines „Europäischen Klimagesetzes“ den Entwurf für eine EU-Verordnung vorgelegt, mit der diese Ziele verbindlich festgeschrieben werden sollen.

Der Weltklimarat im Detail

Kommen wir zurück zum IPCC: Der Weltklimarat residiert seit seiner Gründung im Jahr 1988 in Genf in der Schweiz. Seine Mitglieder sind die UN-Mitgliedsstaaten. Vertreter aller Regierungen bilden das IPCC-Plenum, das den 34-köpfigen Vorstand und dessen Vorsitzenden wählt. Das Plenum entscheidet über die Themen der Berichte des IPCC und verabschiedet deren Zusammenfassungen Satz für Satz. Deshalb haben die Aussagen des IPCC politisch und wissenschaftlich großes Gewicht. 

Die mit etwa 50 Personen besetzte Geschäftsstelle und das Sekretariat in Genf unterstützen die Arbeit des IPCC sowie seiner Arbeits- und Projektgruppen. Für die Erarbeitung der IPCC-Berichte schlagen die Regierungen und die Beobachterorganisationen Experten vor, die vom IPCC-Vorstand ausgewählt werden.

Die Regierungen der Mitglieder des Weltklimarates haben in der Regel jeweils eine nationale IPCC-Kontaktstelle benannt. In Deutschland ist dies das Bundesumweltministerium (BMU). Die Kontaktstelle nominiert wiederum die jeweiligen nationalen Wissenschaftler und organisiert die Kommentierung der Berichtsentwürfe von Seiten der Mitgliedsstaaten. Die deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, angesiedelt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), ist Ansprechpartner für Regierung, Öffentlichkeit, Medien und Wissenschaft in Deutschland.

Finanzierung des IPCC

Die Wissenschaftler werden von ihren jeweiligen Instituten für die IPCC-Arbeit freigestellt oder arbeiten ehrenamtlich. Die Geschäftsstellen der Arbeitsgruppen werden vor allem von den Ländern bezahlt, die sie beherbergen. Für die Reisekosten von Experten aus Entwicklungsländern gibt es einen Treuhandfonds. Das Sekretariat des IPCC wird von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) getragen.

Staatlich oder lobbygesteuert?

Die Verfahren und Strukturen des IPCC geben Hinweise darauf, wie die IPCC-Berichte zustande kommen und zu bewerten sind. Am jährlichen IPCC-Plenum nehmen nicht nur die stimmberechtigten Mitgliedsstaaten teil, sondern auch anerkannte Beobachter, die von Beobachtungsorganisationen entsandt werden, sowie selbstverständlich auch die Experten und Wissenschaftler des IPCC-Vorstandes. Die Beobachter dürfen auch an den meisten Beratungen der Arbeitsgruppen teilnehmen.

Alle federführend am Bericht beteiligten Autoren und Vorstandsmitglieder müssen bestätigen, dass sie keine Interessenkonflikte haben, die ihren Beitrag zum Bericht beeinflussen könnten.

Viele gemeinnützige Umweltorganisationen haben beim IPCC einen Beobachterstatus. In der großen Mehrzahl handelt es sich um Forschungsinstitute und nichtstaatliche Umweltorganisationen (NGOs). Aber auch Industrielobbyorganisationen finden sich in der Liste, darunter der Aluminiumhersteller-Lobbyverband „International Aluminium Institute“ (IAI), die „International Air Transport Association“ (IATA) und das „World Coal Institute“ (WCI) – der Lobby-Klub der weltweiten Kohleindustrie. Eine Liste zeigt transparent alle offiziellen „Beobachter“.

Berichte des IPCC

Das wesentliche Arbeitsergebnis des IPCC sind die von ihm erarbeiteten Sachstandsberichte. Sie fassen weltweit den aktuellen Wissensstand zum Klimawandel zusammen. Sehr nützlich sind die einfach formulierten „Häufig gestellten Fragen“ (FAQ) zu jedem Bericht und die vom deutschen Verbindungsbüro veröffentlichten deutschen Übersetzungen.

Der IPCC hat bisher fünf umfangreiche Sachstandsberichte sowie zahlreiche Sonderberichte verfasst, die jeweils aus drei Kapiteln und mehreren tausend Seiten bestehen. War der menschliche Einfluss auf das Klima im ersten Bericht im Jahr 1992 noch eine Vermutung, so ist er nunmehr eine gut gesicherte Tatsache. Die Temperaturerhöhungen sind in allen Regionen der Erde messbar und übersteigen die jährlichen Temperaturschwankungen signifikant. Der sechste Bericht (AR6) soll in den Jahren 2021 bis 2022 erscheinen.

Hört auf die Wissenschaft!

Die IPCC-Berichte geben den breiten Konsens der Klimawissenschaft wieder. Die Forderung von „Fridays for Future“ sowie nahezu allen anderen Klimaschutzorganisationen, auf die Wissenschaft und damit zumindest auf den Minimalkonsens des IPCC zu hören, verleiht den IPCC-Berichten besondere politische Bedeutung. Umso erstaunlicher ist es, dass die Klimapolitik der meisten Länder noch weit davon entfernt ist, die Konsequenzen aus den sogar nur vorsichtigen IPCC-Schlussfolgerungen zu ziehen.

Aus einer Reihe von Gründen neigen nämlich viele Klimawissenschaftler und auch der IPCC dazu, die Geschwindigkeit und die Folgen des Klimawandels zu verharmlosen. Dies haben Stephan Lewandowski und Naomi Oreskes analysiert. Unter anderem reagiert die Klimawissenschaft auf die Klimaleugner durch Rückzug auf stark gesicherte Aussagen.

In etlichen wissenschaftlichen Untersuchungen wird dargestellt, dass der Klimawandel deutlich rascher ablaufen könnte, als vom IPCC beschrieben. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Kipppunkte des Klimas und die Rückkopplungsmechanismen des Klimasystems (siehe „Es wird eng für uns Menschen“). Sie sind mit besonderen Unsicherheiten behaftet und werden in den IPCC-Berichten und auch den Klimamodellen nur unzureichend berücksichtigt. Diese Bewertung teilt auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 

Herausragende Erkenntnisse

Aus dem Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme (SRCCL): „Seit der vorindustriellen Zeit ist die Lufttemperatur über der Landoberfläche beinahe doppelt so stark angestiegen wie die globale Durchschnittstemperatur. Nämlich um 1,53 Grad beim Vergleich der Mittelwerte der Zeiträume 2006 bis 2015 mit dem Zeitraum zwischen 1850 und 1900. Diese Erwärmung hat zu häufigeren und intensiveren Klima- und Wetterextremen wie Trockenheit und Starkregen in vielen Regionen geführt.“

2712 Grafik Anstieg der globalen Temperatur seit dem Jahr 1850 / Grafik, Daten: IPCC, SR1.5, FAQ 1.2

Aus dem Sonderbericht Ozean und Kryosphäre (SROCC): „Es ist praktisch sicher, dass sich der globale Ozean seit 1970 ungemindert erwärmt hat und mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Wärme im Klimasystem aufgenommen hat. Seit 1993 hat sich die Geschwindigkeit der Ozeanerwärmung mehr als verdoppelt.“ 

Aus dem Sonderbericht 1,5 °C globale Erwärmung (SR1.5): „Das verbleibende CO2-Budget für eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, die Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, liegt bei 580 Gigatonnen CO2 und für eine 66-prozentige Wahrscheinlichkeit bei 420 Gigatonnen CO2.“ Diese Zahlen sind mit Unsicherheiten behaftet und berücksichtigen keine Rückkopplungen wie beispielsweise durch auftauende Permafrostböden – auch diese Prognoserisiken macht der Bericht transparent. 

2712 Grafik Korrelation zwischen CO2-Emissionen und CO2-Konzentration in der Atmosphäre /  Daten: SCRIPPS (CO2-Konzentration), E

Aus dem Fünften Sachstandsbericht (AR5): „Menschliche Aktivitäten haben etwa 1,0 °C globale Erwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau verursacht, mit einer wahrscheinlichen Bandbreite von 0,8 °C bis 1,2 °C. Die globale Erwärmung erreicht 1,5 °C wahrscheinlich zwischen 2030 und 2052, wenn sie mit der aktuellen Geschwindigkeit weiter zunimmt. Die geschätzte anthropogene globale Erwärmung nimmt derzeit aufgrund von vergangenen und aktuellen Emissionen pro Jahrzehnt um 0,2 °C zu.“

Die kommenden Jahrzehnte

Der IPCC geht von einer linearen Beziehung zwischen der Summe aller menschengemachten CO2-Emissionen und dem weltweiten Temperaturanstieg aus und sieht hier eine Ursache-Wirkung-Beziehung: Die Erderwärmung der künftigen Jahrzehnte hängt von den künftigen Emissionsmengen ab. Der Fünfte Sachstandsbericht schreibt dazu: „Die kumulativen CO2-Emissionen bestimmen weitgehend die mittlere globale Erwärmung der Erdoberfläche bis ins späte 21. Jahrhundert und darüber hinaus. Die meisten Aspekte des Klimawandels werden für viele Jahrhunderte bestehen bleiben, auch wenn die Emissionen von Treibhausgasen gestoppt werden. Dies bedeutet einen unabwendbaren Klimawandel von beträchtlichem Ausmaß über mehrere Jahrhunderte hinweg, der durch vergangene, gegenwärtige und zukünftige Emissionen von CO2 verursacht wird.“

Wie sicher sind die Prognosen?

Die IPCC-Berichte bieten eine Darstellung des bereits erfolgten Klimawandels. Daraus lassen sich die wahrscheinlichen Entwicklungen der kommenden Jahre ablesen. Je weiter man in die Zukunft schaut, um so unsicherer werden die Voraussagen und umso stärker hängen sie von unseren weiteren Emissionen ab.

Oft wird die Wahrscheinlichkeit einer Vorhersage verwechselt mit der Sicherheit, mit der diese Vorhersage gemacht wird. Die Wahrscheinlichkeit, beim Würfeln eine Sechs zu erwürfeln ist ein Sechstel. Obwohl das genau bekannt ist, kann man das Ergebnis eines künftigen Würfelwurfs nicht genau vorhersagen, sondern nur mit einer (genau bekannten) Wahrscheinlichkeit. Die IPCC-Berichte unterscheiden zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Aussage (beim Würfeln: ein Sechstel) und der Sicherheit, mit der diese Aussage getroffen wird, also das Vertrauen in die Aussagekraft eines Befundes. Dass man mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Sechstel eine Sechs würfeln wird, wäre beispielsweise „praktisch sicher“.

Auch wenn mit einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit der Temperaturanstieg unter 1,5 Grad Celsius bleibt, ist das Risiko von einem Drittel für ein Überschreiten nicht besonders beruhigend, wenn man die dramatischen Folgen einer solchen Überschreitung betrachtet. Ein Aufzugsseil muss auf das Zwölffache der maximalen Last ausgelegt sein. Ein Flugzeug, das nur mit einer 66-prozentigen Chance nicht abstürzt, würde auch keiner besteigen. Beim Klima scheint hingegen selbst eine 33-prozentige Chance, dass die Menschheit überlebt, akzeptabel zu sein.

Den Unterschied zwischen den Folgen einer 1,5-Grad-Erwärmung und einer 3-Grad-Erwärmung kann man auf der Webseite „Carbonbrief“ für alle Regionen der Welt ansehen.

Zusammenfassung

Alle Berichte des IPCC belegen, dass es allerhöchste Zeit ist für eine Verminderung der Treibhausgasemissionen. Die bereits unübersehbaren menschenverursachten Klimaveränderungen werden sich fortsetzen und zu einer weiteren Erderwärmung sowie einer nicht umkehrbaren weltweiten Klimaveränderung führen. Wie schlimm diese Zukunft sein wird, hängt entscheidend von den Emissionsmengen der kommenden 10 bis 20 Jahre ab. Ich schließe daher mit einem Zitat von Chemienobelpreisträger und Entdecker des Ozonlochs Sherwood Rowland: „Wozu ist die Entwicklung wissenschaftlicher Vorhersagen nütze, wenn wir am Ende nichts anderes machen, als dabei zuzusehen und zu warten, bis die Vorhersagen eingetroffen sind?“

Exkurs: Klimamodelle

Mit dem Klima kann man, anders als in vielen Naturwissenschaften üblich, nicht experimentieren. Um also herauszufinden, welches Klima wir auf der Erde ohne menschliche Treibhausgase hätten oder wie das Klima in 10 bis 20 Jahren aussieht, muss man Berechnungen mit sehr umfangreichen Computermodellen anstellen. Ein Klimamodell arbeitet ähnlich wie eine Wettervorhersage. Teilweise werden sogar dieselben Algorithmen verwendet. Statt über 14 Tage werden mit Klimamodellen jedoch hunderte oder sogar tausende Jahre vorausberechnet.

Zur Verbesserung der Modelle wurde im Jahr 1980 das Weltklimaforschungsprogramm („World Climate Research Programm“, kurz WCRP) gegründet. Es wird getragen von der Weltklimaorganisation und dem Weltsozialrat, unterstützt von der Internationalen Ozeanografischen Kommission der UNESCO. Das Programm finanziert und koordiniert den weltweiten Austausch von Ergebnissen der Klimaforschung. Die Ergebnisse des Weltklimaforschungsprogramms sind ein wesentlicher Input für die IPCC-Berichte.

Die Modelle decken inzwischen die ganze Erdoberfläche mit einer räumlichen Auflösung zwischen 200 und 10 Kilometer ab. Auch die Meere bis in die Tiefe und die höheren Luftschichten werden abgebildet. Die physikalischen Prozesse von Wärmeleitung, Verdunstung, Strahlung sowie CO2-Emission und Absorptionen werden von den Modellen nachgerechnet. Es ist sogar schon gelungen, über mehrere Millionen Jahre im Nachhinein die Entstehung der Zwischeneiszeiten nachzuverfolgen, die sich aus den Schwankungen der Erdumlaufbahn und der Sonnenstrahlung über lange Zeiträume ergeben haben. Andererseits ist die Abbildung von Klimakipppunkten in den Modellen bisher nur unzureichend gelungen.

Es gibt inzwischen weltweit rund 100 etablierte Klimamodelle. Vier davon stammen aus Deutschland: vom Alfred-Wegner-Institut Helmholtz-Zentrum (AWI), vom Deutschen Klimarechenzentrum (DKRZ), vom Deutschen Wetterdienst (DWD) und vom DLR. Sie werden im Rahmen eines WCRP-Projektes überprüft und auf den Teststand gestellt, indem man sie mit denselben Daten füttert und dann die Ergebnisse vergleicht. Die Modelle rechnen hypothetische Situationen durch, wie beispielsweise einen Vulkanausbruch, eine plötzliche Vervierfachung der CO2-Konzentration oder eine jährliche Erhöhung der CO2-Konzentration um 1 Prozent. Die Ergebnisse sind ein wichtiger Input für den sechsten Bericht des IPCC.

Eine wichtige Kenngröße von Klimamodellen ist die errechnete Klimasensibilität („Equilibrium Climate Sensitivity“, kurz ECS). Bisher ging man mit einer Unsicherheit von rund 1,5 Grad davon aus, dass eine Verdopplung der CO2-Menge in der Atmosphäre eine Erwärmung von 3,8 Grad zur Folge haben müsste. Nach einer Auswertung der aktuellen Modelle liegt die Klimasensitivität der meisten Modelle jedoch bei mehr als 4,5 Grad, also deutlich höher als bisher angenommen. Das deutet auf eine höhere Klimaempfindlichkeit hin. Ob es zu einer Verdopplung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre gegenüber der vorindustriellen Zeit kommt, hängt von den Emissionen der kommenden Jahre ab. Läuft alles so wie bisher, so ist das verheerende Ergebnis klar vorgezeichnet.

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